Body-Horror aus dem Familienblog
Was für ein Jahr für Horrorfans! 2022 entpuppt sich immer mehr als denkwürdiges Filmjahr des Elevated Horror und zeigt, dass gerade im europäischen Raum ein ungeahnt großes Potenzial für das Genrekino schlummert. Nach dem isländischen „Lamb“ und dem norwegischen „The Innocents“ darf nun auch Finnland beweisen, dass abseits des Mainstreamhorrors aus Hollywood so vieles mehr möglich ist. Hanna Bergholms „Hatching“ sieht zunächst aus wie ein sauber dekorierter Albtraum in Pastellfarben, bis unter der polierten Oberfläche etwas schlüpft, das sich nicht mehr wegfiltern, wegmoderieren oder in den nächsten Familienpost einbauen lässt.

Tinja (Siiri Solalinna) lebt mit ihrer Familie in einem Haus, das wirkt, als wäre es einzig für perfekte Social-Media-Bilder eingerichtet worden. Ihre Mutter hält das harmonische Familienleben für ihren erfolgreichen Blog fest und erwartet von ihrer Tochter dieselbe Makellosigkeit, die sie nach außen verkauft. Beim Turnen soll Tinja funktionieren, zu Hause lächeln, in der Familie keine Probleme machen. Als sie im Wald ein seltsames Ei findet, nimmt sie es heimlich mit nach Hause und kümmert sich darum. Doch aus dem Ei schlüpft kein harmloses Tier, sondern ein Wesen, das immer stärker mit Tinja verbunden scheint und all das nach außen trägt, was in ihr keinen Platz haben darf.

Der Horror schlüpft nicht zufällig
Unter der perfekten Oberfläche brütet… Pardon, brodelt es! Man könnte fast meinen, die junge Tinja und ihre Familie leben in einem Katalog eines hochpreisigen Möbelgeschäfts. Ein derartig makellose Familienglück muss selbstverständlich mit der Social-Media-Welt geteilt werden. Jedoch wäre „Hatching“ natürlich kein Horrorfilm, wenn diese öffentliche Zurschaustellung nichts als Fassade wäre. Trotz der Omnipräsenz von schrägem Body-Horror und blutigen Schockmomenten steckt das wahre Grauen wie so oft wieder einmal in zutiefst menschlichen Problemen. Die Metamorphose, die Tinja durchlebt, nutzt Regisseurin Hanna Bergholm als bildliche Metapher für das Nicht-Perfektsein, um daraus ein satirisch angehauchtes Horrordrama zu entsinnen. Fehler und Schwächen sind Teil eines jeden Menschen, wer dies nicht zulassen kann – oder besser noch – wer dies nicht zulassen darf, wird den Kampf mit sich selbst unweigerlich verlieren.

Im Kern ist „Hatching“ eine Geschichte über das Erwachsenwerden, was von Natur aus schon ein schwieriges Unterfangen ist, erst recht, wenn die Eltern ihr verpasstes Glück stellvertretend durch ihre Kinder erleben wollen. Die junge Siiri Solalinna entpuppt sich dabei als kleine Entdeckung. Tinja droht unter dem körperlichen und seelischen Druck ihrer fordernden Mutter zu zerbrechen – und Solalinna transportiert diesen Schmerz mit Bravour! Gerade unter dem Coming-Of-Age-Aspekt geht „Hatching“ als Film vollkommen auf. Da ist es auch zu verkraften, dass der stets mitschwingende satirische Unterton dem Horror einen großen Teil des Schreckens nimmt. Das macht „Hatching“ letztendlich eher zum grotesk surreal Erlebnis als zu einem reißerischen Horrorfilm – aber irgendwie ist das auch gut so!

Fazit
„Hatching“ ist ein groteskes, ekliges und erstaunlich trauriges Horrordrama über Perfektionsdruck, Mutter-Tochter-Zwang und das Monster hinter der Familienfassade. Nicht durchgehend schockierend, aber stark gespielt, bitter komisch und als finnischer Genrebeitrag herrlich eigen. Ach du dickes Ei.

