The Desperate Hour | Film – Kritik: Amoklauf am anderen Ende der Leitung

Wenn das Telefon zur einzigen Verbindung wird

Laut Statistik gab es in den Vereinigten Staaten von Amerika im vergangenen Jahr insgesamt 692 sogenannte Mass Shootings – also bewaffnete Amokläufe mit mehreren Verletzten oder Todesopfern. Eine erschreckende Bilanz, vor allem wenn man bedenkt, dass dies heruntergebrochen auf den Tag rund zwei entsprechende Vorfälle bedeutet. Man möchte sich kaum vorstellen, mit welcher Machtlosigkeit man die Nachricht erhält, dass ein geliebter Angehöriger sich just in diesem Moment in einer derartigen Situation befinden könnte. In Phillip Noyces schnörkellosem Amok-Thriller „The Desperate Hour“ steht eben jener Blickwinkel einer Angehörigen im Fokus, die am Telefon das gesamte Ausmaß des Schreckens mitbekommt, ohne selbst einschreiten zu können.

The Desperate Hour ©EuroVideo

Amy Carr (Naomi Watts) geht am frühen Morgen im Wald joggen, um den Kopf freizubekommen. Während sie noch versucht, ihren Alltag aus Nachrichten, Terminen und familiären Sorgen zu sortieren, erreichen sie plötzlich erste Meldungen über einen Amoklauf an der Schule ihres Sohnes. Amy ist weit entfernt, ohne Auto, ohne direkte Hilfe und nur über ihr Smartphone mit der Außenwelt verbunden. Während Polizei, Notruf, Bekannte und Nachrichtenmeldungen immer neue Informationen liefern, versucht sie herauszufinden, ob ihr Sohn in Sicherheit ist. Mit jedem Anruf wächst die Panik, und aus einem gewöhnlichen Lauf wird ein verzweifelter Wettlauf gegen die eigene Ohnmacht.

The Desperate Hour ©EuroVideo

Naomi Watts zwischen Waldlauf, Panik und Machtlosigkeit

Eine Frau, ein Telefon! Manchmal braucht es nicht viel mehr, um mit einfachen Mitteln eine unglaublich dichte Spannung zu erzeugen. Ob Ryan Reynolds in einem hölzernen Sarg tief unter der Erdoberfläche in „Buried“, Tom Hardy auf einer langen Autofahrt in „No Way Back“ oder Jake Gyllenhaal in der Notrufzentrale im gleichnamigen Remake des dänischen Meisterwerks „The Guilty“ – manchmal ist weniger, doch mehr. Dasselbe gilt für den nervenaufreibenden Thriller „The Desperate Hour“, der sich bereits nach wenigen Minuten als aktiver Angriff auf die Fingernägel entpuppt.

The Desperate Hour ©EuroVideo

Noch bevor die von Naomi Watts verkörperte Amy einen lebensverändernden Anruf erhält, ist sie engagierte Mutter unter Starkstrom – und das Publikum tut es ihr gleich! Während Andere beim Joggen durch den Wald endlich abschalten können, regelt sie sämtliche administrative Vorgänge per Smartphone und opfert sich auch in ihrer Quality Time für ihre Familie auf. „The Desperate Hour“ wird von Anfang an von einer ansteckenden Unruhe begleitet und treibt die Hektik und Nervosität in den weiteren Minuten noch auf die Spitze. Der minimalistische Thriller bietet pulstreibenden Nervenkitzel und führt das Publikum dabei geschickt an der Nase herum. Leider will Phillip Noyce am Ende dann doch noch zu viel und führt den Plot in eine absurde Richtung. Das wirkt sich natürlich auch auf die bis dahin unermessliche Spannung aus – eine Empfehlung bleibt „The Desperate Hour“ aber weiterhin!

The Desperate Hour ©EuroVideo

Fazit

Spannung pur – zumindest über weite Strecken. „The Desperate Hour“ ist ein minimalistischer Thriller mit starker Naomi Watts, nervösem Tempo und beklemmender Ausgangslage. Das absurde Finale schwächt die Wirkung, doch bis dahin greift der Film ziemlich effektiv an die Fingernägel.

Bewertung: 3.5 von 5.