Juniper | Film – Kritik: Charlotte Rampling trinkt alle an die Wand

Wenn Oma keine Pflegeanleitung mitbringt

Egal ob jung oder alt – Sturkopf bleibt Sturkopf. In „Juniper“ scheint das Alter keine große Rolle zu spielen, wenn es darum geht, seinen eigenwilligen Kopf durchzusetzen – komme, was wolle. Das ist es dann auch, was die beiden Protagonist*innen in diesem feinfühligen Drama immer näher zusammenrücken lässt. Aber worum geht es überhaupt? Um einen Jungen, der den Tod seiner Mutter nicht verwunden hat, eine Großmutter, die lieber Gin trinkt als nett zu sein, und eine Annäherung, die nicht über große Lebensweisheiten funktioniert, sondern über Trotz, Reibung und die Erkenntnis, dass Familie manchmal erst im Streit wieder greifbar wird.

Juniper ©SquareOne Entertainment

Seit dem Tod seiner Mutter hat Sam jeden Halt verloren. Der 17-Jährige provoziert, zieht sich zurück und wird schließlich von der Schule suspendiert. Sein Vater weiß nicht mehr weiter und überträgt ihm ausgerechnet die Betreuung seiner Großmutter Ruth, die nach einem Beinbruch im Rollstuhl sitzt und vorübergehend bei der Familie einzieht. Ruth ist alkoholabhängig, bissig und alles andere als pflegeleicht. Zwischen ihr und Sam kracht es zunächst gewaltig, doch nach und nach entsteht aus gegenseitiger Ablehnung eine vorsichtige Nähe. Während Sam lernt, seinen Schmerz nicht nur in Wut zu verwandeln, muss auch Ruth sich ihrer eigenen Verletzlichkeit stellen.

Juniper ©SquareOne Entertainment

Gin, Gras und Großmutter Ruth

Auf eine Tüte und ein Bierchen mit Omi! Ob eher humoristisch angehaucht wie „St. Vincent“ mit Bill Murray oder gesellschaftskritisch aufgeladen wie in „Grande Torino“ von und mit Clint Eastwood – die Geschichte über einen Grumpy Old Man, dessen kaltes Herz durch die Freundschaft zu einem Kind doch noch einmal auftaut, ist sicher kein Novum im Storytelling, aber dafür bisher eigentlich immer ein Garant für gute Unterhaltung – so auch in „Juniper“! Wenn eine pflegebedürftig, aber sicherlich nicht gerade pflegeleichte Großmutter und ihr entfremdeter Enkel wieder zueinander finden, ist das der Beginn von leichtfüßigen 90 Minuten, die zwar wenig überraschend, aber dafür umso warmherziger geraten sind!

Juniper ©SquareOne Entertainment

Ein Film ist nur so gut, wie seine Darsteller*innen. Charlotte Rampling entpuppt sich wenig überraschend als Szenendiebin und verleiht der ruppigen Ruth mit ihrem vielschichtigen Schauspiel ein facettenreiches Profil und darüber hinaus auch noch unheimlich viel Charisma. Die Chemie zwischen ihr und ihrem jungen Co-Star George Ferrier bildet das Fundament für eine einfühlsame Geschichte über das Erwachsenwerden, Sterblichkeit und den Stellenwert der Familie. Dank der ästhetisch fotografierten Bilder in kraftvollen, satten Farben ist „Juniper“ darüber hinaus nicht nur was fürs Herz, sondern auch für die Augen ist. Sehenswert!

Juniper ©SquareOne Entertainment

Fazit

Unterhaltsam, herzlich und getragen von einer großartigen Charlotte Rampling. „Juniper“ erfindet das Generationendrama nicht neu, findet aber genug Wärme, Witz und Melancholie, um seine vertraute Geschichte sehenswert zu machen.

Bewertung: 3.5 von 5.