Blond | Film – Kritik: Marilyn Monroe als beschädigter Mythos

Netflix entzaubert das Lächeln der Kunstfigur

Stilikone, Publikumsliebling und Sexsymbol. Marilyn Monroe ist auch heute noch, 60 Jahre nach ihrem frühzeitigen Tod mit gerade einmal 36 Jahren, aus der Popkultur nicht wegzudenken. Ihr Gesicht wurde zur Tapete des 20. Jahrhunderts, ihr Name zum Synonym für Glamour, Verführung und tragische Berühmtheit. Doch je größer der Mythos wurde, desto kleiner schien der Mensch dahinter zu werden. In Netflix‘ „Blond“ wagt Andrew Dominik einen intimen Blick hinter die strahlende Fassade von Everybody’s Darling und beleuchtet, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Joyce Carol Oates, den Menschen hinter der Kunstfigur. Die Geschichte interessiert sich dabei nicht für eine saubere Chronologie, sondern für ein Lebensgefühl, das zwischen Sehnsucht, Ausbeutung und permanenter Fremdbestimmung zermahlen wird.

Blond ©Netflix

Ana de Armas trägt diesen Albtraum in Schwarzweiß

Eines vorweg: “Blond” ist nicht der angekündigte reißerische Skandalfilm! Das frei an das Leben von Marilyn Monroe angelehnte Biopic geizt zwar nicht an expliziter Nacktheit, wiegt diese freizügigen Momente aber um ein Vielfaches mit schonungsloser Ehrlichkeit und erschütternden Erkenntnissen auf. Andrew Dominik durchdringt dabei die glatt polierte Oberfläche der Kunstfigur Marilyn Monroe, um einen schonungslosen Blick auf die echte Norma Jeane [so ihr bürgerlicher Name] zu gewähren. Hinter der Fassade des Sexsymbols befindet sich eine zerbrechliche junge Frau voller Ängste und unerfüllter Träume. Ana de Armas ist nicht weniger als eine Wucht! Auch losgelöst von allen Äußerlichkeiten, die der schöne “Knives Out”-Star mit sich bringt, ist die Besetzung der kubanisch-spanischen Schauspielerin ein absoluter Glücksgriff für “Blonde”. Armas verkörpert Marilyn Monroe, oder vielmehr Norma, als scheues, verunsichertes Reh, eine gebrechliche Seele voller Trauer und Schmerz – und agiert dabei immer wieder verdammt nahe an der Grenze zum Wahnsinn. Eine beeindruckende, Oscar-würdige Performance, die im Kopf bleibt!

Blond ©Netflix

Schön, schöner, „Blond“! Nun mögen sich sicherlich nicht alle mit der unkonventionellen Erzählweise und der künstlerischen Herangehensweise des Beinahe-Biopics arrangieren können, die unbändige Schönheit, die Kameramann Chayse Irvin hier auf den Bildschirm zaubert, steht hingegen außer Frage. Kontrastreiche Schwarzweißbilder und weiche Farbaufnahmen fusionieren sich in größtenteils im 4:3 Format gedrehte Aufnahmen, zu einem visuellen Rausch, der sich nachhaltig in die Netzhaut brennt. Das beengte Format unterstreicht die beklemmende Wirkung des Dramas umso mehr, öffnet sich in den rar gesäten Glücksmomenten, aber immer wieder für ein Breitbildformat. Missbraucht, vorgeführt, alleine gelassen. Vom Glamour Hollywoods ist in „Blond“ nichts zu spüren. Stattdessen inszeniert Andrew Dominik sein Charakterdrama als albtraumhafte Tour de Force und entscheidet sich darüber hinaus auch inszenatorisch und erzählerisch gegen die Strukturen eines klassischen Biopics. Die unterschiedlichen Stadien der Karriere der schönen Blondine sind nahezu irrelevant und dienen lediglich der groben zeitlichen Einordnung von Monroes psychischem Verfall. Das Ergebnis ist ein fast dreistündiges Epos, das einen nicht mehr so schnell loslässt. Bedrückend, ergreifend, überwältigend – und stellenweise auch wunderschön und hoffnungsvoll.

Blond ©Netflix

Fazit

„Blonde“ ist ein aufwühlendes, visuell berauschendes und schwer verdauliches Kunstwerk über Marilyn Monroe, das weniger Biopic als Albtraum einer Ikone ist. Nicht immer ausgewogen, aber getragen von einer überragenden Ana de Armas und Bildern, die sich festfressen.

Bewertung: 4.5 von 5.