“Früher war alles besser!” Eine ziemlich anmaßende Behauptung in Anbetracht dessen, was die Geschichtsbücher erzählen. Da die alten eingestaubten Wälzer jedoch oft wenig attraktiv erscheinen und abseits der informativen Inhalte in den seltensten Fällen wirklich unterhaltsam geraten sind, ist es immer wieder schön, wenn sich motivierte Filmschaffende an die Nacherzählung wichtiger gesellschaftlicher Gegebenheiten versuchen. Ein Film ist dann doch oftmals zugänglicher als ein schnödes Sachbuch – vor allem, wenn er sich wie im Fall von “Vatersland” nicht nur auf das bloße Abhandeln geschichtlicher Fakten stürzt, sondern ein allumfassendes Gefühl der Zeit einfängt, mit all den Sorgen und Hoffnungen einer noch jungen Generation im Umbruch!

Handlung
Marie steckt sowohl in einer privaten als auch künstlerischen Krise. Der frühzeitige Tod ihrer Mutter belastet sie schon seit Kindheitstagen. Heute ist ihre Tochter im gleichen Alter wie sie zum Zeitpunkt dieses tragischen Verlustes und auch Marie selbst ist zwischenzeitlich genauso alt wie ihre Mutter bei ihrem Ableben. Als nun auch ihr Vater im Sterben liegt und sie eine alte Kiste voller Fotos und Videoaufnahmen aus ihrer Vergangenheit zugeschickt bekommt, reißt dies alte Wunden auf. Die Aufnahmen lassen sie auf ihr Leben zurückblicken und in verloren geglaubten Erinnerungen schwelgen, die sich leider rein gar nicht mit den idyllischen Szenarien decken, die die Fotografien ihres Vaters abbilden.

Kritik
Ein überforderter Vater, der frühe Verlust der eigenen Mutter und das Heranwachsen in einer patriarchalisch geprägten Welt. “Vatersland” wirft einen intimen Blick in die Gefühlswelt eines jungen Mädchens, das sich in der eingestaubten Nachkriegsgesellschaft zurechtfinden muss. Die Geschichte deckt sich dabei mit den persönlichen Erfahrungen der Regisseurin Petra Seeger, die in ihrem autobiografisch angehauchten Drama ihre eigene Kindheit und Jugendzeit verarbeitet. Selbst die immer wieder eingestreuten Schwarzweißaufnahmen und Familienfotos stammen aus dem privaten Archiv der deutschen Filmschaffenden und unterstützen das authentische Bild der Retrospektive ungemein.

Seeger überträgt ihre eigene Empfindung auf die Wahrnehmung einer ganzen Generation und jongliert dabei geschickt mit gesellschaftlichen Themen wie Emanzipation, Erziehung und dem Stellenwert der Kirche. Die Coming-of-Age-Geschichte ist mal komisch, mal unangenehm, dabei aber immer authentisch und fast schon dokumentarisch in Szene gesetzt. Das mag zwar nicht immer fesselnd sein und birgt darüber hinaus auch die eine oder andere Länge in der episodenhaften Erzählweise, wird mit einem sensiblen Gespür für die damalige Zeit jedoch wieder wettgemacht. “Vatersland” ist in erster Linie eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte und zeigt dabei geschickt, wie unsere Vergangenheit uns zu dem Menschen gemacht hat, der wir heute sind – egal wie holprig dieser Weg auch gewesen ist. Das unterstreicht auch die Vierte Wand durchbrechende Schlussszene nochmal mit einem dicken Ausrufezeichen!

Fazit
Ein authentischer, weiblicher Blick auf die Nachkriegszeit!
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