The Black Phone | Film – Kritik: Der Greifer verliert den Anschluss

Der Horror beginnt nicht im Keller

„Halloween“, „Der weiße Hai“ oder doch „The Conjuring“? Welcher ist eigentlich der gruseligste Horrorfilm aller Zeiten? Laut einer Studie der finnischen Universität von Turku im Auftrag des britischen Vergleichsportals „Broadbandchoices“ gibt es darauf ein wissenschaftlich eindeutiges Ergebnis. Die überraschende Antwort lautet „Sinister“. Der Horrorfilm des US-amerikanischen Regisseurs Scott Derrickson hebt sich dabei von seinen Konkurrenten ab und lässt sogar das Horror-Meisterwerk „Hereditary“ auf Platz 5 hinter sich zurück. Ob diese Ergebnisse sich nun mit der persönlichen Wahrnehmung aller decken, sei mal dahingestellt – eine große Bürde für Derricksons neues Werk ist es allemal.

The Black Phone ©Universal Pictures

Der 13-jährige Finney Shaw lebt in einer Kleinstadt in Colorado, die von einer Serie von Entführungen erschüttert wird, bei denen Kinder verschwinden. Der Entführer, bekannt als „The Grabber“, ist ein sadistischer Serienmörder, der die entführten Kinder in einem schalldichten Keller gefangen hält. Eines Tages wird auch Finney von The Grabber entführt und in den Keller gebracht, wo er ein altes, abgeschaltetes Telefon findet. Obwohl das Telefon eigentlich nicht funktionieren sollte, beginnt es plötzlich zu klingeln. Finney entdeckt, dass er durch das Telefon mit den Geistern der früheren Opfer des Grabbers kommunizieren kann. Diese Geister versuchen, ihm zu helfen, dem mörderischen Entführer zu entkommen und seine Freiheit zurückzuerlangen.

The Black Phone ©Universal Pictures

Starke Kinder, schwacher Killer

Eine Exposition, die Lust auf mehr macht! Scott Derrickson wirft sein Publikum gleich zu Beginn in das stimmige 70er-Jahre-Setting einer typischen amerikanischen Kleinstadt und überrascht darüber hinaus mit interessanten Charakteren und ordentlich Konfliktpotenzial. Der wahre Horror in „The Black Phone“ spielt sich innerhalb der Familie und auf dem Schulhof ab und nicht etwa in den Fängen eines mörderischen Psychopathen. Die sowohl psychische als auch physische Gewalt, die die Geschwister Finney und Gwen zu Hause erfahren müssen, und die körperlichen Torturen innerhalb der Reihen der Schulkinder, die weit über „normales“ Mobbing hinausgehen, entfalten eine weitaus größere Wirkung als alle klassischen Horror-Elemente, die noch folgen sollen. Abgesehen von einem kleinen Foreshadowing der späteren Bedrohung in Form eines unheilverkündenden schwarzen Vans und der Silhouette des von Ethan Hawke verkörperten Serienkillers kommt die bärenstarke erste halbe Stunde ohne den eigentlichen Antagonisten aus und bildet dabei sogleich den mit Abstand besten Teil des gesamten Films ab. Wenn die Katze erst mal aus dem Sack ist und der „Greifer“ seinen bösen Machenschaften nachgeht, verliert „The Black Phone“ nicht nur sein charmantes Retro-Flair, sondern auch sämtliche interessanten Konflikte, die anfangs eingestreut wurden.

The Black Phone ©Universal Pictures

Als Horrorthriller ist Derricksons Adaption der Kurzgeschichte des Autors Joe Hill nur bedingt geglückt. Für ein bedrückendes Filmerlebnis bedarf es weder eines Serienkillers noch einer übernatürlichen Ebene. Ethan Hawke verleiht dem „Greifer“ zwar eine nicht abzusprechende Präsenz, und doch fehlt es der Figur an ikonischer Markanz, um nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben. Er ist halt ein weiterer seelenloser Killer unter vielen. Für den Zeitraum von einer geschlagenen Stunde ist „The Black Phone“ entsprechend wenig fesselnd oder gar gruselig und stattdessen größtenteils regelrecht eintönig. Erst im Finale kann „The Black Phone“ wieder Fahrt aufnehmen und rettet den bereits angeschlagenen Horrorfilm doch noch wohlwollend über die Ziellinie. Dass man als Zuschauerin auch während des langen Durchhängers im Mittelteil dranbleibt, ist zu großen Teilen den starken Kinderdarstellerinnen zuzuschreiben, die von den fein gezeichneten Charakteren profitieren, die das Drehbuch parat hält. In Anbetracht der bedrückenden ersten halben Stunde, die so viele interessante Motive mit sich bringt, ist es dennoch bedauerlich, dass „The Black Phone“ sich für einen anderen, viel zu generischen Weg entscheidet.

The Black Phone ©Universal Pictures

Fazit

„The Black Phone“ ist ein sehenswerter Horrorfilm mit starker erster halber Stunde, überzeugenden Kinderdarsteller*innen und einem gelungenen Finale. Dazwischen verliert Scott Derricksons Entführungsthriller jedoch zu viel von seinem Potenzial, weil der Greifer schwächer bleibt als der alltägliche Horror um ihn herum.

Bewertung: 3 von 5.