Südkoreas Antwort auf den Third-Person-Shooter
Dass das südkoreanische Action-Kino auch in Deutschland immer populärer wird, scheint mittlerweile auch bis zu Netflix durchgedrungen zu sein. Mit „Carter“ ist seit wenigen Tagen ein kompromissloses Actionfeuerwerk in Computerspiel-Optik auf der Streamingplattform verfügbar, das mit dem überschwänglichen Einsatz von Blut nicht geizt, sich dabei aber auch auf ein technisches Gimmick verlässt, das sich häufig als hinderlich herausstellt. Dort kämpft sich ein Mann ohne Erinnerungen durch eine Horde von Gegner*innen – und das von der ersten bis zur letzten Sekunde ohne sichtbare Szenenschnitte! Was nach einem wahnwitzigen Actionversprechen klingt, ist am Ende auch genau das: ein überdrehter Gewaltparcours, der seine eigene Form wichtiger nimmt als jede Figur, jede Logik und jede Erzählökonomie.

Ist das noch ein Film oder schon ein Computerspiel? Wenn sich der Titelheld „Carter“ von einer Stimme in seinem Kopf geleitet in einer einzigen Kamerafahrt, ohne erkennbaren Schnitt, durch Hundertschaften von Gegner metzelt, kann man sich diese Frage schon mal stellen. Wo sich der ähnlich ausgelegte russische Actionthriller „Hardcore“ noch als Ego-Shooter inszenierte, fühlt sich „Carter“ wie ein ultrabrutaler Third-Person-Shooter an. Das ist extrem rasant und unterhaltsam in Szene gesetzt, aber mit über zwei Stunden auch viel zu lang geraten, sodass man trotz einem Action-Dauerfeuer irgendwann auf die Uhr schaut.

Viel Blut, wenig Übersicht
Leider ist der Pseudo-One-Take – es ist klar zu erkennen, dass die Schnitte so gesetzt wurden, dass man sie anschließend nicht mehr als solche wahrnimmt – neben der aufgeblasenen Laufzeit die größte Schwäche von „Carter“. Die Kampfszenen sind zwar kompetent choreografiert, durch das Fehlen von Szenenschnitten sieht man aber immer wieder, wie sich Gegner zurückhalten oder wirr in der Luft herumfuchteln – gerade beim gigantischen Blutbad in einem Spa ganz am Anfang. Der eine oder andere Schnitt hätte solche Fehler einfach kaschieren können. Stattdessen zwingt der Film die Kamera dazu, jede Bewegung mitzunehmen, auch wenn längst nicht jede Bewegung sehenswert ist. Ausgerechnet das große technische Verkaufsargument legt dadurch regelmäßig offen, wie sehr diese Illusion eigentlich konstruiert ist.

Darüber hinaus eiert die unkontrollierte Kamera oft willkürlich umher und erzeugt dabei eher Kopfschmerzen, als dass diese Entscheidung einen echten Mehrwert bietet. Auch dies ließe sich mit einer herkömmlichen Inszenierung ohne One-Take-Charakter leicht vermeiden. So hektisch und unübersichtlich das bisweilen ist, macht es trotzdem verdammt viel Spaß. Die unglaublich brutale, vor rotem Lebenssaft nur so triefende Action ist dermaßen over-the-top und teilweise aberwitzig irre, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Mein Tipp: Hirn aus und ab dafür! Denn wenn „Carter“ funktioniert, dann nicht als guter Thriller, sondern als vollkommen enthemmter Testlauf für die Frage, wie viel Wahnsinn ein einzelner Actionfilm aushält. Die Antwort lautet: erstaunlich viel, aber sicher nicht zwei Stunden ohne Verschleißerscheinungen.

Fazit
„Carter“ ist over-the-top Action ohne Sinn, Verstand und funktionierende Bremse. Der Pseudo-One-Take nervt oft, die Laufzeit ist zu lang, doch das blutige Dauerfeuer liefert genug irren Spektakelwert für einen herrlich bekloppten Abend.

