Wenn draußen nur noch der Tod wartet
Hand aufs Herz! Wer hätte bei den ersten Meldungen über einen neuartigen Virus mit dem Namen Covid-19 gedacht, was für ein langes Martyrium auf die Menschheit zukommt? Nach mehreren Lockdowns, Kontaktbeschränkungen und Einschränkungen ist zwischenzeitlich endlich wieder Normalität eingekehrt. Doch das Virus hat nicht nur gesundheitliche und wirtschaftliche, sondern auch psychologische Spuren hinterlassen. Kaum vorstellbar, welche Folgen eine noch deutlich tödlichere und dabei weitaus länger anhaltende Gefahr außerhalb der eigenen vier Wände anrichten könnte. An dieser Stelle setzt „The Pink Cloud“ an – mit einem Szenario, das nicht nach Pandemie klingt und sich trotzdem erschreckend vertraut anfühlt.

Giovana und Yago verbringen eine gemeinsame Nacht miteinander, ohne zu ahnen, dass daraus eine jahrelange Zwangsgemeinschaft werden wird. Am nächsten Morgen liegt plötzlich ein rosafarbener Nebel über der Welt. Wer ihn einatmet, stirbt innerhalb weniger Sekunden. Flucht ist unmöglich, das Draußen wird zur Todeszone, und aus dem unverbindlichen One-Night-Stand wird ein gemeinsames Leben auf engem Raum. Während sich die Gesellschaft notdürftig an die Isolation anpasst, müssen Giovana und Yago entscheiden, ob sie in dieser unfreiwilligen Nähe so etwas wie Alltag, Beziehung oder Familie aufbauen können – oder langsam aneinander und an sich selbst zerbrechen.

Pandemie-Gefühl ohne Pandemie
Kaum zu glauben, dass das Drehbuch für das apokalyptische Drama „The Pink Cloud“ bereits 2017 geschrieben und noch vor dem Ausbruch der weltweiten Pandemie im Jahr 2019 abgedreht wurde. Auch wenn Corona nicht als Inspirationsquelle diente, sind die Parallelen zwischen der Lebensrealität der letzten drei Jahre und dem entschleunigten Quarantäne-Drama gespenstisch echt. Doch auch völlig losgelöst von der Realität ist „The Pink Cloud“ ein spannendes Gedankenexperiment, das ohne den tatsächlichen Ausbruch einer ähnlichen, wenn auch nicht annähernd so schlimmen Pandemie, vermutlich noch intensiver ausgefallen wäre – wir haben es schließlich am eigenen Leib erlebt.

Leider ist „The Pink Cloud“ bei der Einführung in diese neue isolierte Welt nicht immer plausibel. So wird die Versorgung mit lebenswichtigen Waren nie thematisiert, aber als gegeben etabliert – und das trotz des mehrere Jahre andauernden Ausnahmezustands. Denkt man sich etwas genauer hinein, macht diese Gegebenheit – wie viele andere auch – überhaupt keinen Sinn. Doch an einer wissenschaftlichen Abhandlung über die wirtschaftlichen Auswirkungen ist Regisseurin Iuli Gerbase auch gar nicht interessiert. In „The Pink Cloud“ steht der Mensch im Fokus – und darin liegt auch die Stärke des kammerspielartigen Psychodramas.

Fazit
„The Pink Cloud“ ist ein außergewöhnliches Quarantäne-Drama, das nach Corona noch unheimlicher wirkt, obwohl es vor der Pandemie entstand. Nicht immer plausibel in seiner Weltlogik, aber stark als stilles Psychodrama über Isolation, erzwungene Nähe und den langsamen Verlust von Zukunft.

