Spiral – Das Ritual [2019] Kritik

Während bekannte Horrorfilmreihen wie „Texas Chainsaw Massacre“ oder „Scream“ mit ihren zahllosen Prequels, Reboots und Requels weiterhin auf die klassischen Motive des Genres setzten und die immer gleichen Figuren in die immer gleichen Szenarien schicken, um sie auf die immer gleiche lieblose Art und Weise über die in diesem Fall nicht nur metaphorische Klinge springen zu lassen, erfuhr das Horrogenre in den letzten Jahren still und heimlich eine Evolution. Junge Regisseur*innen wie Ari Aster, Jordan Peele oder Julia Ducournau brachten mit ihren cleveren Ideen, ausgefeilten Drehbüchern und gesellschaftlichen Themen frischen Wind in die eingestaubte Welt des Grusels. Der sogenannte „Elevated Horror“ steht für gehobenen Horror, dessen filmische Relevanz weit über die Genregrenzen hinausgeht und Kritiker und Presse auf der ganzen Welt begeistert, während der alteingesessene Gorehound oft mit einem Fragezeichen zurückbleibt – das ist doch kein Horrorfilm! Mit seiner dritten Regiearbeit „Spiral – Das Ritual“ reiht sich der Kanadiers Kurtis David Harder, der in Vergangenheit vornehmlich durch seine Tätigkeit als Produzent auffiel, nun nahtlos in die Reihe der frischen neuen Filmemacher ein und entfesselt ein sozialkritisches Horror-Meisterwerk irgendwo zwischen „Hereditary“ und „Get Out“.

Spiral – Das Ritual ©Drop-Out Cinema

Handlung

1995: Malik und Aaron wollen ihr altes Leben hinter sich lassen. Gemeinsam mit Aarons Tochter Kayla aus seiner vergangenen Ehe, sucht das homosexuelle Paar einen Neuanfang in einer kleinen Stadt im ländlichen Raum. Aufgrund ihrer sexuellen Orientierung mussten sich die beiden in der Vergangenheit bereits viele Anfeindungen über sich ergehen lassen. Gerade Malik, der in seiner Teenagerzeit einen brutalen Angriff auf sich und seine Jugendliebe erlitt, hat bis heute mit den Folgen der Tat zu kämpfen. Nach der Ankunft in ihrem neuen Zuhause scheinen die vergangenen Sorgen etwas in den Hintergrund zu rücken. Auch wenn das gleichgeschlechtliche Pärchen in ihrem neuen Wohnort direkt begutachtet wird, scheinen vor allem das benachbarte Ehepaar Marshal und Tiffany sehr erfreut über ihre Ankunft und heißen sie herzlich in der Nachbarschaft willkommen. Während die 16-jährige Kayla schnell Anschluss bei Marshals und Tiffanys Sohn Tyler findet, hat Malik damit zu kämpfen, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen. Als sich plötzlich immer mehr mysteriöse Vorfälle zu häufen scheinen, beginnt er mit Nachforschungen und stößt dabei auf ein schreckliches Geheimnis.

Spiral – Das Ritual ©Drop-Out Cinema

Kritik

Mit „Spiral – Das Ritual“ liefert uns Regisseur Kurtis David Harder die queere Antwort auf „Get Out“ und öffnet durch einen kleinen aber feinen Kniff das eigentliche Thema der Homophobie letztlich sogar für ein noch viel größeres – und zwar dem Hass und der Angst gegenüber allem, was fremd und anders ist. Auch wenn die bis heute noch weitverbreiteten Vorurteile und die damit einhergehende Intoleranz gegenüber Homosexualität den Kern des Horrorfilms bilden, steht die Homophobie hier stellvertretend für jede Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Das heißt jedoch nicht, dass das durch Schwulenhass befeuerte Schicksal von Malik und Aaron für die Drehbuchautoren Colin Minihan und John Poliquin lediglich ein Mittel zum Zweck ist. Das Skript widmet sich sorgfältig deren Ängsten und fängt den wahren Horror hinter Homophobie glaubhaft ein. In einer Zeit, in der Schwulsein noch mit AIDS und HIV gleichgesetzt wird, ist es oft nicht einmal nur die grundsätzliche Ablehnung einer anderen Lebensform, sondern die Angst davor – befeuert durch Unwissenheit und böswillig gestreuter Falschinformationen. „Spiral – Das Ritual“ adaptiert diesen Kreislauf aus Hass und Angst mit geschickt eingesetzter Symbolik und einem überraschungsreichen Skript, das mit dem perfiden Ende diesen Kreis wieder schließt. Angst erzeugt Hass, Hass erzeugt Angst.

Spiral – Das Ritual ©Drop-Out Cinema

Oft sind es die kleinen Dinge, die die größte Wirkung erzielen. „Spiral – Das Ritual“ schafft es schon mit kleinen Beobachtungen ein Gefühl von Unwohlsein zu erzeugen, das es einem kalt den Rücken herunterlaufen lässt. Um den echten Horror zu etablieren, bedarf es oft keiner übernatürlichen Komponente. In jenen Szenen entfaltet der Schrecken dann auch seine volle Wirkung. Wenn in den über die gesamte Laufzeit verteilten Rückblenden, der grausame Vorfall aus Maliks Vergangenheit aufgedeckt wird oder die Kamera auf dem vor Angst erstarrten Gesicht von Malik verharrt, während dieser das Wort „Faggot“ an seiner Wohnzimmerwand vorfinden, ist die Auswirkung solcher Taten erschreckender als jede paranormale Erscheinung. Wieso das alles so wunderbar funktioniert, ist vor allem auf Malik und dessen Trauma zurückzuführen. Die neue Situation und die sich häufenden mysteriösen Vorkommnisse öffnen alte Wunden und lassen ihn zunehmend in eine Paranoia verfallen. Getrieben vom posttraumatischen Stress und der aufkeimenden Angst in ihm, scheint seine Wahrnehmung mehr und mehr zu verschwimmen, was sich so auch auf das Publikum überträgt, das lange Zeit darüber im Unklaren bleibt, ob und wo überhaupt eine Gefahr droht

Spiral – Das Ritual ©Drop-Out Cinema

Maliks Abstieg in den Wahnsinn wird von unglaublich starken Horror-Sequenzen begleitet, wie man sie nicht alle Tage zu sehen bekommt. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die atmosphärische Soundkulisse, die im Hintergrund stets bedrohlich arbeitet und Maliks Abwärtsspirale einen auditiven Teppich bereitet. Der eindringliche Score kriecht unter die Haut und legt den Grundstein für 90 Minuten voller Suspense, Spannung und echtem Grusel. Während andere Genrevertreter versuchen ihr Publikum mittels plumper Jump-Scares und nicht zuzuordnenden Geräuschquellen in die Irre zu führen, um die sich dadurch ankündigende, vermeintliche Gefahr letztlich doch mit dem Erscheinen einer harmlosen Katze oder einem Windstoß verpuffen zu lassen, geht „Spiral – Das Ritual“ den komplett gegensätzlichen Weg. Wenn der unwissende Malik auf der Suche nach dem Ursprung eines seltsamen Geräuschs noch befürchtet, sich gleich einer übernatürlichen Erscheinung gegenüberzustehen, weiß die Zuschauer*in längst, dass es sich dabei lediglich um einen Ast handelt, der an die Fensterscheibe hämmert – die Kamera erfasst schließlich direkt das sich im Wind wiegende Geäst. Und trotzdem breitet sich über die gesamte Sequenz langsam eine dichte Gänsehaut über den gesamten Körper aus, während sich die feinen Härchen im Nacken in alle Richtungen sträuben. Effektiver kann man solch eine Szene nicht inszenieren!

Spiral – Das Ritual ©Drop-Out Cinema

Fazit

Ein Meisterwerk!

Bewertung: 5 von 5.

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