Kein Biopic, sondern ein seelischer Ausnahmezustand
Das nach dem Geburtsnamen der im Jahr 1997 verstorbenen Lady Diana benannte Arthouse-Drama „Spencer“ begleitet die junge Princess of Wales an einem schicksalsträchtigen Wochenende im Winter 1991. Was auf den ersten Blick nach drögem Geschichtsstoff klingt, entpuppt sich jedoch schnell als atmosphärisches Schauspiel-Kino mit ästhetischen Bildern und stimmigem Score. Pablo Larraín interessiert sich dabei weniger für höfische Chronologie als für den Zustand einer Frau, die inmitten von Luxus, Regeln und Erwartungen kaum noch Luft bekommt.

Weihnachten 1991: Diana (Kristen Stewart) reist zum königlichen Landsitz Sandringham, wo die Feiertage der britischen Königsfamilie streng durchgeplant sind. Mahlzeiten, Kleidung, Auftritte, Gespräche – alles folgt einem festen Protokoll, in dem für eigene Gefühle kaum Platz bleibt. Während Charles’ Affäre mit Camilla längst zwischen den Wänden steht und Diana immer stärker unter den Zwängen des Königshauses leidet, wird das lange Wochenende für sie zur Belastungsprobe. Zwischen Erinnerungen an ihre Kindheit, Momenten mit ihren Söhnen William und Harry und wachsender Verzweiflung reift in ihr der Wunsch, dieses Leben nicht länger mitzuspielen.

Sandringham als Gefängnis mit Kronleuchtern
Trotz der weitläufigen Räumlichkeiten des königlichen Landsitzes fühlt sich „Spencer“ über weite Strecken wie ein klaustrophobisches Kammerspiel an. Für Diana gibt es kein entkommen aus ihrem goldenen Käfig. Der unbehagliche Score unterstreicht diese beklemmende Auswegslosigkeit und erzeugt eine ansteckende Stimmung. Das Drama sucht sich den Zugang zu seinem Publikum über die Gefühlsebene und weniger über den quasi nicht vorhandenen Plot. „Spencer“ versteht sich weniger als Dokumentation von historischen Fakten, sondern als impressionistisches Psychogramm einer gebrochenen Frau.

Kristen Stewart glänzt mit leisen, subtilen Gesten und einem zurückhaltenden und dadurch umso einnehmenderen Spiel. Für ihre herausragende Performance wurde der ehemalige „Twilight“-Star völlig zurecht mit einer Oscar®-Nominierung als „Beste Hauptdarstellerin“ belohnt. Wenn „Spencer“ dann mit einer überraschend versöhnlichen und hoffnungsvollen Schlussszene abschließt, bleibt ein durchweg positives Gefühl – auch wenn das Arthouse-Drama an manchen Stellen mit kleineren Längen zu kämpfen hat. Stewart imitiert Diana dabei nicht nur, sondern findet eine eigene fragile Körpersprache für diese Version der Prinzessin: schmal, nervös, abwesend und doch immer wieder von einer kurzen Wärme durchzogen, sobald ihre Kinder ins Spiel kommen. Das ist kein glattes Denkmal, sondern eine vorsichtige Annäherung an einen Menschen, der hinter der öffentlichen Figur kaum noch verschwinden kann.

Fazit
„Spencer“ ist ein atmosphärisches, ästhetisch starkes Arthouse-Drama über Lady Diana als Gefangene höfischer Erwartungen. Etwas arm an Handlung, aber getragen von Pablo Larraíns beklemmender Inszenierung, Jonny Greenwoods Score und einer brillanten Kristen Stewart.

