Wenn Glaube keinen Halt mehr gibt
Glaube und Wahnsinn liegen manchmal sehr nahe beieinander. Gerade dann, wenn ein Mensch keinen Halt mehr findet und aus Trost langsam Gewissheit wird. In ihrem Regiedebüt „Saint Maud“ erzählt die britische Regisseurin und Drehbuchautorin Rose Glass eine atmosphärische Horror-Geschichte über eine gebrochene junge Frau, die im Glauben an Gott zunächst Halt findet, sich dann aber immer tiefer in ihrem religiösen Fanatismus verliert. Dabei interessiert sich der Film weniger für klassische Schockmomente als für eine stille Verschiebung: Maud verliert nicht plötzlich den Bezug zur Wirklichkeit, sie entfernt sich Schritt für Schritt von ihr. Und genau darin liegt die eigentliche Unruhe dieses Films.

Nach einem tragischen Vorfall in ihrer Vergangenheit fand Maud Kraft in der Religion. Seitdem scheint ihr Leben wieder in geordneten Bahnen zu verlaufen. Auch in ihrem neuen Job als Pflegerin der todkranken Amanda blüht sie auf. In Gott hat sie einen treuen Begleiter gefunden, der sogar mit ihr kommuniziert. Für Maud ist das kein vages Gefühl, sondern eine direkte Verbindung, die ihrem einsamen Leben plötzlich Bedeutung gibt. Als ihr Leben erneut aus den Fugen gerät, offenbart ihr dieser, dass er einen großen Plan mit ihr hat – und der kann kein gutes Ende nehmen. Je stärker Maud an diese Bestimmung glaubt, desto mehr löst sie sich von allem, was sie noch in der Realität halten könnte.

Eine Charakterstudie im Gewand des Horrorfilms
Maud ist eine verlorene Seele. Außer ihrer Arbeit und ihrem Glauben hat sie nichts in ihrem Leben. Nähe sucht sie zwar, doch sobald sie greifbar wird, kann sie damit kaum umgehen. Selbst in der Beziehung zu Amanda liegt deshalb von Beginn an etwas Unausgeglichenes. Maud will gebraucht werden, aber noch mehr will sie glauben, dass dieses Gebrauchtwerden Teil eines höheren Plans ist. Als der introvertierten Frau nur noch letzteres bleibt, flüchtet sie sich vollständig in die Religion und verfällt zunehmend ihren Wahnvorstellungen. Dabei ist „Saint Maud“ lange Zeit vielmehr Charakterstudie als Horrorfilm. Abgesehen von der Eröffnungsszene, in der die blutverschmierte Maud apathisch ins Nichts starrt, inszeniert Glass die erste Hälfte vornehmlich als Drama. Auch wenn die ruhige Erzählweise stellenweise schleppend wirkt, ist sie für den späteren Verlauf Gold wert. Denn der Film braucht diese Langsamkeit, um Mauds Zustand nicht bloß zu behaupten, sondern spürbar werden zu lassen.

Das Horror-Drama ist die Art Film, der seine volle Wirkung erst mit dem Einsetzen des Abspanns entfalten kann. Kein Fastfood, sondern Horrorkino, das nachwirkt und einen vergessen lässt, dass man sich zuvor mit der einen oder anderen Länge arrangieren musste. Ohne das gemächliche Tempo würde er letztendlich nämlich gar nicht erst funktionieren. Rose Glass baut den Schrecken nicht über große Effekte auf, sondern über Mauds immer engere Sicht auf die Welt. Was für andere krankhaft wirkt, ist für sie Berufung. Was wie Einsamkeit aussieht, deutet sie als Nähe zu Gott. Genau aus dieser Verschiebung zieht „Saint Maud“ seine Kraft. Abgerundet wird „Saint Maud“ dann von einer brillanten letzten Einstellung, die so unglaublich böse ist und für einen der intensivsten Gänsehautmomente der letzten Jahre sorgt. Nicht der nächste „The Lodge“ und auch kein neuer „Hereditary“ – aber ein verdammt guter Horrorfilm abseits des Mainstreamkinos. Typisch A24! Klein, konzentriert und gerade deshalb deutlich unangenehmer als viele lautere Genrevertreter.

Fazit
„Saint Maud“ ist ein intensiver Slow-Burner über Einsamkeit, religiösen Wahn und den Wunsch, dem eigenen Schmerz eine höhere Bedeutung zu geben. Nicht frei von Längen, aber atmosphärisch stark, konsequent gespielt und mit einem Schlussbild, das böse nachhallt.

