Alpha: Kritik zum Film – Zwischen Body-Horror und Drama

Alpha Film 2025
TitelAlpha
Genre Horror, Drama
Jahr2025
FSK16
RegieJulia Ducournau

Kinostart: 02.04.2026

Warum „Alpha“ kläglich an Julia Ducournaus eigenem Erbe scheitert

Ein Meisterwerk als Regiedebüt ist eine Bürde, an der schon ganz andere Visionäre fast zerbrochen sind. Ari Aster hat es mit „Hereditary – Das Vermächtnis“ vorgemacht und baute danach sukzessiv ab: „Midsommar“ war noch solide, aber „Beau Is Afraid“ verlor sich in einer prätentiösen Belanglosigkeit. Auch Jordan Peele konnte nach dem fulminanten „Get Out“ mit „Wir“ und „Nope“ nur noch bedingt anknüpfen – gute Filme, sicher, aber sie standen doch tief im Schatten seines Geniestreichs. Dass diese Rezension zu Julia Ducournaus neuestem Streich „Alpha“ mit diesem Bild einsetzen muss, ist leider kein gutes Vorzeichen. Mit ihrem Erstling „Raw“ schoss sie von Null auf Hundert direkt in die Riege der interessantesten Regisseurinnen unserer Zeit; ein Werk, das Ekel und psychologische Wucht so präzise verknotete, wie man es selten sieht. In „Titane“ ging es für viele schon einen ordentlichen Schritt zurück, da die bloße Provokation über die erzählerische Logik siegte. Und ihr jüngstes Werk? „Alpha“ bestätigt nun den befürchteten Trend einer Künstlerin, die zwar immer noch radikal sein will, aber dabei zunehmend ihren Kompass verliert und sich in der eigenen Ambition verheddert, anstatt das Publikum wie einst mit roher Gewalt zu packen.

Alpha Film 2025
Alpha ©Plaion Pictures

Inhaltlich entführt uns Ducournau in eine triste französische Küstenstadt der 1980er-Jahre, in der eine mysteriöse Epidemie die Gesellschaft lähmt. Die Erzählung konzentriert sich auf die 13-jährige Alpha, die von Mélissa Boros mit einer fast schon schmerzhaften Intensität verkörpert wird. Das Mädchen lebt allein mit ihrer Mutter (Golshifteh Farahani), einer Ärztin, die täglich mit den Opfern der Seuche kämpft. Die Krankheit ist von grauenhafter Natur: Die Infizierten verlieren an Gewicht und ihre Körper beginnen förmlich zu versteinern, bis sie wie leblose Statuen wirken, die bei der kleinsten Erschütterung zerbrechen. Die Dynamik zwischen Mutter und Tochter ist geprägt von einer beklemmenden Fürsorge, die jedoch jäh gestört wird, als Alphas drogenabhängiger Onkel Amin (Tahar Rahim) in die Enge der Wohnung zurückkehrt. Amin ist bereits im Endstadium der Versteinerung und fungiert als lebendes Mahnmal des Verfalls. Als Alpha sich im Rausch ein Tattoo stechen lässt und die Wunde sich entzündet, beginnt die Paranoia der Außenwelt in ihr Refugium einzudringen. Die Grenzen zwischen Infektion, Pubertäts-Trauma und dem sozialen Stigma verschwimmen in einem nebligen Küstenszenario, das keinerlei Hoffnung auf Heilung lässt.

Filmpodcast

Der schmerzhafte Zerfall einer großen Vision

„Raw“ war roh – im besten Sinne. Roh in der Inszenierung, drastisch in den Bildern und vor allem radikal darin, sein Publikum mental zu packen. Jener Erstling bot eine vielschichtige Metaphorik, die weibliche Lust und Autonomie durch die Linse des Kannibalismus sezierte. „Alpha“ besitzt theoretisch dieselben Säulen, doch Ducournau weiß sie hier kaum effektiv einzusetzen. Die Metaphorik wirkt überladen; die Story ist vollgestopft mit Themen, die sich gegenseitig die Luft zum Atmen nehmen. Die offensichtliche Analogie zur AIDS-Krise der 80er wird mit Coming-of-Age-Elementen und einer vagen Öko-Dystopie vermischt, wodurch die eigentliche Aussage völlig diffus bleibt. Der plötzliche Genrewechsel zwischen Body-Horror und Familiendrama wirkt hier nicht mehr organisch, sondern wie ein gewaltsames Zusammenkleben von Versatzstücken, die einfach nicht zusammenpassen wollen. Wo früher die körperliche Transformation einer Frau ein Befreiungsschlag war, wirkt Alphas Mutation hier eher wie ein zielloses Leiden, das zwar Mitleid erregt, aber keinerlei emanzipatorische Kraft mehr entfaltet. Es fehlt schlicht die Klarheit der Vision, die „Raw“ zum modernen Klassiker machte.

Alpha Film 2025
Alpha ©Plaion Pictures

Auch formal betrachtet wirkt „Alpha“ nie wie eine geschlossene Einheit. Das spiegelt sich leider auch in der Optik wider. Visuell ist „Alpha“ zwar noch roher als „Raw“, aber dabei nicht mehr annähernd so ästhetisch kalkuliert. Wo Ducournau früher Schönheit im Grauen fand, regiert hier eine visuelle Tristesse, die das Zusehen eher zur Last als zum Erlebnis macht. So bleiben lediglich einzelne Momente, die für sich genommen funktionieren – etwa die beklemmenden Szenen der Erstarrung –, aber in der Summe wirkt das Ganze viel zu zäh und künstlich in die Länge gezogen. Trotz der schauspielerischen Spitzenleistungen bleibt am Ende die Ernüchterung über einen nochmal deutlicheren Abfall im Vergleich zu „Titane“. Es ist der schmerzhafte Beweis dafür, dass Radikalität allein keine klare Linie ersetzt. Im Vergleich zum Erstling verliert „Alpha“ auf fast jeder Ebene: Ein ambitioniertes Experiment, das an seinem eigenen Gewicht zerbricht und den Zuschauer ratlos im filmischen Nebel stehen lässt.

Alpha Film 2025
Alpha ©Plaion Pictures

Fazit

„Alpha“ verheddert sich in seinen eigenen Ansprüchen: Julia Ducournau liefert ein visuell tristes und erzählerisch zerfahrenes Drama, das trotz starker Darsteller*innen kläglich am eigenen Erbe scheitert. 

Bewertung: 2.5 von 5.
Amazon Prime Video

Das könnte Dich auch interessieren!