Das Virus ist unsichtbar. Die Spaltung nicht.
In seiner noch jungen Karriere hat Ari Aster bereits bemerkenswerten Mut zur Wandlungsfähigkeit bewiesen. Statt sich auf einer Erfolgsformel auszuruhen, erfindet er sich thematisch wie stilistisch immer wieder neu, selbst wenn darunter der kommerzielle Erfolg leidet. In seinem düsteren Spielfilmdebüt „Hereditary“ widmet er sich dysfunktionalen Familiendynamiken, in dem gleichermaßen grellen wie verstörenden „Midsommar“ stehen Abhängigkeit in Beziehungen und Trauer im Mittelpunkt, und im surrealen „Beau Is Afraid“ werden Schuldgefühle und Angststörungen zum zentralen Motor der Handlung.

Mit seinem mittlerweile vierten Film „Eddington“ greift er nun ein Thema auf, das vielen noch immer in den Knochen sitzt: die Corona-Pandemie. Paranoia und gesellschaftliche Spaltung nehmen in der Kleinstadt Eddington überhand und führen zu zunehmenden Konfrontationen zwischen Sheriff Joe Cross (Joaquin Phoenix) und Bürgermeister Ted Garcia (Pedro Pascal), die schließlich in explosive Situationen münden.

Zwischen Satire und Statement verliert sich die Substanz
Es tut weh, einen Film zu sehen, in dem so viel Potenzial steckt. Aus dem man so viel hätte herausholen können, wenn man im Drehbuch bereit gewesen wäre, tiefer zu graben. Stattdessen ist Ari Asters „Eddington“ beinahe nichtssagend, wenn nicht sogar feige und im schlimmsten Fall gefährlich. Als Satire über die Corona-Pandemie funktioniert der Film anfangs durchaus gut. Überspitzt, aber gleichzeitig erschreckend authentisch blickt er auf eine Zeit zurück, die die Gesellschaft bis heute prägt und tief gespalten hat. Doch genau dort bleibt Aster stehen und drängt jede aufkeimende Komplexität in einen metaphorischen Lockdown. Das Ärgerliche daran ist, dass Aster sein Werk dennoch für klug zu halten scheint. Als würde er der Welt etwas enthüllen, der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Die Reaktion ist jedoch eher ein gelangweiltes Schulterzucken. Er zeigt auf Missstände, bleibt inhaltlich aber an der Oberfläche. Vielleicht liegt das daran, dass er sich übernimmt. Gefühlt werden hunderte Storyelemente gleichzeitig eingeführt, die im Kontext der Pandemie durchaus relevant sind, etwa Falschinformationen, Verschwörungstheorien, Black Lives Matter, Doomscrolling oder Lockdown. Doch statt daraus eine klare Linie zu entwickeln, wirkt der Film chaotisch und überladen und verliert dabei jegliche Wirkkraft. Hinzu kommt, dass sich Aster konsequent weigert, politisch Stellung zu beziehen. Statt wirklich etwas Relevantes zu sagen, setzt er lieber auf Provokation. Zahlreiche Themen werden angerissen, doch zentrale Aspekte wie etwa der negative Einfluss von Donald Trump bleiben auffällig unterbelichtet und werden höchstens angedeutet. Statt einer klaren Haltung streckt Aster dem Publikum sinnbildlich die Zunge heraus und signalisiert: Ihr seid doch alle gleichermaßen lächerlich.

Wenn ein Film wie Alex Garlands „Civil War“ bewusst auf eine eindeutige politische Positionierung verzichtet, funktioniert das im jeweiligen Kontext. Dort stehen Fotografen im Mittelpunkt, die das Weltgeschehen dokumentieren, nicht aktiv gestalten. In „Eddington“ hingegen befinden sich die Figuren mitten im politischen und gesellschaftlichen Ausnahmezustand, sie sind unmittelbar Teil davon. Und dennoch gesteht Aster ihnen kaum mehr zu, als Karikaturen zu sein. Er erschafft wandelnde Klischees beider politischer Lager, nur um sich gleichermaßen über sie lustig zu machen. Selbst wenn man den Gedanken akzeptiert, dass keine politische Seite frei von Fehlern ist, wirkt diese Gleichsetzung angesichts der weiterhin angespannten gesellschaftlichen Lage zumindest fragwürdig, wenn nicht sogar fahrlässig. Gerade deshalb wiegt es umso schwerer, dass „Eddington“ die Chance verpasst, seine Thematik wirklich zu durchdringen. Statt lediglich Symptome wie Verschwörungstheorien oder radikale Rhetorik abzubilden, hätte der Film untersuchen können, wie Menschen überhaupt in solche Denkweisen hineingezogen werden. Welche psychologischen Mechanismen greifen? Welche Ängste, welche Kränkungen, welche Traumata machen rechte Narrative anschlussfähig? Vor allem in Louise Cross, gespielt von Emma Stone, hätte diese Auseinandersetzung stattfinden können. Ihr eigenes Trauma wird zwar angedeutet, verkommt jedoch schnell zur Nebensache. Statt als eigenständige Figur mit innerem Konflikt ernst genommen zu werden, bleibt sie vor allem Projektionsfläche und wird implizit zum „Problem“ ihres Mannes erklärt. Hier verschenkt der Film die Möglichkeit, Radikalisierung nicht nur zu zeigen, sondern zu erklären.

Fazit
„Eddington“ ist ein formal ambitionierter, stark gespielter Film, der sich an einem hochkomplexen Thema versucht, es jedoch meist nur an der Oberfläche berührt. Statt gesellschaftliche Spaltung analytisch zu durchdringen, begnügt sich Ari Aster mit Zuspitzung und Provokation. Was als schonungslose Bestandsaufnahme gedacht ist, wirkt letztlich wie eine Beobachtung ohne echten Erkenntnisgewinn. Mutig im Ansatz, unbefriedigend in der Ausführung.


