| Titel | Kacken an der Havel |
| Genre | Komödie |
| Jahr | 2026 |
| FSK | 12 |
| Creator | Dimitrij Schaad, Alex Schaad |
Starttermin: 26.02.2026 | Netflix
Wo der Rap-Traum in der Provinz-Gülle versinkt
Kotzen, Pups, Oberkaka, Möse – seriöser kann eine Filmkritik eigentlich nicht beginnen. Falls doch, hat man sich wohl verklickt und ist versehentlich im Entertainment-Ressort der BILD-Zeitung gelandet. Doch was wie der Schimpfwort-Jargon eines Grundschulpausenhofs klingt und den Autor dieser Zeilen kurzzeitig am eigenen journalistischen Feingeist zweifeln lässt, ist in Wahrheit der einzig logische Einstieg in die Besprechung von Netflix’ neueste Serienerungenschaft aus deutschen Landen. Nicht zwingend wegen der erzählerischen Qualität – oder etwa doch, wird diese Review zeigen –, sondern wegen des herrlich absurd klingenden Städtchens, in dem der Wahnsinn seinen Lauf nimmt. Wie auch das titelgebende, leider nur fiktive Fleckchen Erde in „Kacken an der Havel“, bietet die deutsche Landkarte eine Galerie an gar nicht mal weniger komischen Ortsnamen und die einleitende Pipi-Kacka-Wortreihe beschreibt lediglich reale Gemeinden, wie einen Ortsteile von Feldkirchen-Westerham in Oberbayern oder Meineweh in Sachsen-Anhalt. An dieser Stelle übrigens liebe Grüße nach Wixhausen in Hessen! Doch während wir über reale Ortsschilder schmunzeln, stellt sich die Frage, ob die Serie mehr liefern kann, als nur einen provokanten Titel?

Die Story hinter der neuesten Netflix-Offensive aus Deutschland liest sich deutlich bodenständiger, als es der fäkallastige Titel vermuten lässt: Im Zentrum steht Toni Fleischer, ein Mittdreißiger, der in Berlin dem großen Durchbruch als Rapper hinterherjagt – mit eher überschaubarem Erfolg, wie seine Karriere als mittelloser Pizzabäcker deutlich zeigt. Gespielt wird Toni vom Rapper Fatoni – in Fankreisen geschätzt für zynische Texte und gesellschaftskritische Beobachtungsgabe –, der nach seiner Mitwirkung in der rbb-Produktion „Warten auf’n Bus“ erneut vor der Kamera steht. Doch der Traum vom großen Durchbruch in Berlin platzt jäh, als der Ruf der Provinz erklingt: Seine Mutter ist tot. Das bedeutet für Toni die unfreiwillige Heimkehr an einen Ort, dessen Namen man im Personalausweis am liebsten schwärzen würde: Kacken an der Havel.

„Kacken an der Havel“ ist lustig – manchmal und dann wieder nicht
Für ihre neunteilige Netflix Serie haben sich Dimitrij Schaad und Alex Schaad augenscheinlich außerhalb der doch arg tristen Humorlandschaft Deutschlands inspirieren lassen und hierfür keinen Geringeren als Seth MacFarlane als Ideengeber auserkoren. Was den anarchistischen Humor des „Family Guy“-Schöpfers so besonders macht, also das Prinzip der maximalen Ablenkung und die Verweigerung klassischer Erzählstrukturen, zeichnet nun auch „Kacken an der Havel“ aus. So passieren die lustigsten Dinge nicht zwangsläufig im Fokus, sondern meist im Hintergrund oder ganz am Rande des Geschehens. Manchmal verbeugen sich die Schaad-Brüder jedoch so tief vor ihren Vorbildern, dass man Angst um die Wirbelsäulen der Autoren-Duos bekommt. Wenn Toni sich das Knie stößt und die Schmerzreaktion einen Schnuff zu lange ausgekostet wird oder ein einsamer Steppenläufer durch die brandenburgische Tristesse rollt, fühlt man sich weniger an eine Hommage als an ein deutsches Remake von Peter Griffins größten Hits erinnert. Das ist phasenweise brillant komisch, wirkt an anderen Stellen jedoch wie eine Malen-nach-Zahlen-Übung in Sachen US-Cartoon-Humor.

Wo MacFarlane den Quell seiner Ideen in allerhand Popkultur-Referenzen findet, verankern die Schaads ihre absurden Gags in die ungemütlichen Realität der deutschen Provinz-Tristesse – und das entgegen dem Titel mit überraschend wenig Pipi-Kacka-Beigeschmack. Während die visuelle Inszenierung und die Gags im Hintergrund oft innovativ und treffsicher daher kommen, dümpeln viele Dialoge indes in genau dem typischen öffentlich-rechtlichen Humor-Duktus vor sich hin, den man nach komödiantischen Frischzellenkuren der Marke „Die Discounter“ längst für überwunden hielt. So ist es ein ständiges Tauziehen zwischen trockenem Understatement, völlig überdrehter Farce und hölzernen Pointen, die einfach nicht zünden wollen. Auch das Schauspiel-Ensemble scheint mit dieser Ambivalenz zu kämpfen. Und dennoch: Wenn sich Anton Schneider alias Fatoni als gescheiterten Rapper nach einem Freestyle-Battle in bester „8 Mile“-Manier selbst zerstört, um anschließend in die alte Heimat reist, bleibt dies der Startschuss für solide Comedy-Unterhaltung, die zwar immer wieder über die eigenen Füße stolpert, dabei aber eine ziemlich passable Figur macht.

Fazit
„Kacken an der Havel“ bietet eine absurde MacFarlane-Anarchie in brandenburgischer Tristesse.
(Fazit nach zwei Episoden)


