| Titel | Marty Supreme |
| Genre | Drama, Sport |
| Jahr | 2025 |
| FSK | 12 |
| Regie | Josh Safdie |
Kinostart: 26.02.2026
Warum „Marty Supreme“ kein Sportdrama, sondern eine Naturgewalt ist
Mit der kinetischen Energie von „Good Time“ und „Uncut Gems“ erschufen die Safdie-Brüder zwei filmgewordene Panikattacken, die das moderne Kino im Sturm eroberten. Doch dann kehrte Stille ein – und eine kreative Trennung besiegelte das vorläufige Ende einer Ära. Während Benny Safdie mit „The Smashing Machine“ und der soziopathisch angehauchten Satire–Serie „The Curse“ zwar dem psychologischen Voyeurismus treu blieb, dabei aber auf ein deutlich entschleunigtes Tempo setzte, besinnt sich Josh Safdie in seiner ersten Solo-Regiearbeit „Marty Supreme“ auf das, was schon die Zusammenarbeit mit seinem Bruder definierte. So bleibt er dem hektischen Chaos und der nervenzehrenden Rastlosigkeit seiner New Yorker Antihelden treu und inszeniert nun auch Timothée Chalamet („Bones and All“) als getriebenen Tischtennisspieler mit einer Besessenheit, die Adam Sandlers Howard Ratner in Nichts nachsteht. Zwischen sportlichem Ehrgeiz und moralischem Abgrund entfaltet Josh einen giftigen, rabenschwarzen Ritt durch das New Yorker Mid-Century-Ambiente und beweist dabei, dass die Safdie-DNA auch solo weiter pulsiert – zwischen dem peitschenden Klick-Klack manisch über die Platte schmetternder Ping-Pong-Bälle.

Wo Josh Safdie und sein langjähriger Co-Autor Ronald Bronstein die Feder ansetzen, da ist ein moralisch verwahrloster Charakter nicht weit. In „Marty Supreme“ hört dieser auf den Namen Marty (Timothée Chalamet), der im Laden seines Onkels Schuhe verkauft – doch sein Fleiß ist reine Fassade. Für ihn zählt nur das Ticket zur Tischtennis-Weltmeisterschaft in London. Als sein geiziger Onkel ihm kurz vor Abflug den Lohn verweigert, raubt Marty ihn kurzerhand aus und setzt eine rücksichtslose Spirale in Gang: Während er sportlich aufsteigt, beginnt menschlich bereits der freie Fall. Eine krachende Niederlage reißt ihn jedoch nicht in ein tiefes Loch; sie zwingt ihn zur radikalen Kreativität. Doch Marty kennt kein Aufgeben – nur die Flucht nach vorne, ungeachtet der Trümmer, die er hinterlässt.

Ein Meisterwerk des kontrollierten Wahnsinns
Marty ist wie die Bälle, die er über die Platte schmettert. Im New York der 1950er sind diese weiß und klinisch – Marty will sie quietsch-orange. Er will den Sport aus den verrauchten Hinterzimmern in das grelle Licht der Eitelkeit zerren, weg vom belächelten Sport zweiter Klasse hin zum weißen Chic des Tennis-Adels. Im Grunde ist er selbst wie diese neon-leuchtenden Tischtennisbälle – zumindest in seiner eigenen Wahrnehmung. Er will auffallen und die Regeln einer Welt umgehen, die ihn nicht schnell genug reich und berühmt macht. Und so beginnt sein rasanter Aufstieg und der noch viel tiefere Fall, getrieben vom unbändigen Druck, es endlich zu schaffen. Da wird gelogen, betrogen, hintergangen und die eigene Integrität für einen Moment des Ruhms verscherbelt. Josh Safdie ist dabei derjenige, der den Schläger hält, um Marty von einer prekären Situation in die nächste zu schmettern. Dabei schneidet er den Ball so scharf an, dass dieser unkontrolliert über das Spielfeld flirrt – von den schmutzigen Straßenzügen Queens bis in die sterilen Arenen Londons. Bewaffnet mit fiebrigen Synthesizern, treibenden Hits der 80er als anachronistisches Stilmittel und einer paranoiden Kamera, die ihren Protagonisten auf Schritt und Tritt verfolgt, verwandelt Safdie die Welt von „Marty Supreme“ in einen audiovisuellen Rausch.

So entfaltet „Marty Supreme“ eine kinetische Energie, die das Publikum immer tiefer in den Strudel aus Gier und grenzenlosem Narzissmus zieht, bis sich der eigene Herzschlag unweigerlich mit den treibenden Ereignissen auf der Leinwand synchronisiert. Chalamet liefert dabei die vielleicht mutigste Performance seiner Karriere ab. Sein Marty ist kein sympathischer Underdog, sondern eine soziopathische Naturgewalt – und sorgt genau deswegen seit dem US-Release für hitzige Diskussionen über die Art und Weise, wie Safdie diesen obsessiven Werdegang letztlich auflöst. Dabei ist Safdies Charakterstudie weder die Legitimation eines Narzissten noch die bloße Abrechnung eines selbigen, sondern lediglich die Chronik eines von Geltungssucht zerfressenen Mannes – und die hat es in sich. Wenn schließlich der Abspann rollt, ist man physisch erschöpft. „Marty Supreme“ ist reines Adrenalin und die Definition dessen, was großes Kino ausmacht: Ein Meisterwerk des kontrollierten Wahnsinns. Laut, hässlich, wunderschön und absolut manisch. Das macht das Sportdrama, das eigentlich gar keines ist, zu einem wahren Triumph des obsessiven Filmemachens, der zeigt, dass Josh Safdie auch ohne seinen Bruder der Enfant Terrible des US-Kinos bleibt. Wer „Uncut Gems“ geliebt hat, wird hier sein neues Mekka finden.

Fazit
„Marty Supreme“ fühlt sich an wie ein Match gegen einen überlegenen Gegner: Man verlässt den Saal außer Puste, schweißgebadet und mit flimmerndem Blick. Ein cineastischer Schlagabtausch, in dem die Geschichte selbst als Gegner auftritt und Marty – sowie das Publikum – in mörderischem Tempo über die Platte scheucht.


