| Titel | Shelby Oaks |
| Genre | Horror, Thriller |
| Jahr | 2024 |
| FSK | ungeprüft |
| Regie | Chris Stuckmann |
Fantasy Filmfest White Nights 2026
Found Footage trifft okkulten Albtraum
Wenn man etwas kritisiert, bekommt man schnell den Satz „mach es doch besser“ zu hören. Genau das hat sich Filmkritiker Chris Stuckmann zu Herzen genommen. Inspiriert von den Erfahrungen seiner Schwester, die von den Zeugen Jehovas verstoßen wurde, entstand die Idee zu „Shelby Oaks“. Das Drehbuch schrieb er gemeinsam mit seiner Ehefrau, die Finanzierung stemmte er über eine Crowdfunding-Kampagne, die mit über 650.000 Dollar einen Kickstarter-Rekord aufstellte und letztlich die Millionengrenze überschritt. Seine spürbare Leidenschaft für das Genre überzeugte schließlich auch prominente Unterstützer wie Mike Flanagan, der sich dem Projekt als Produzent anschloss.

Beeindruckt von einer ersten Schnittfassung erwarb Neon die Rechte am Film und finanzierte zusätzliche Reshoots, um zentrale Szenen umzusetzen. Noch vor dem offiziellen Start sorgte „Shelby Oaks“ durch eine kreative Marketingkampagne für einen kleinen Hype unter Genrefans und spielte weltweit bereits rund sechs Millionen Dollar ein. In Deutschland feierte der Film nun seine Premiere bei den Fantasy Filmfest White Nights. Erzählt wird die Geschichte von Mia Brennan-Walker (Camille Sullivan), die verzweifelt nach ihrer Schwester Riley (Sarah Durn) sucht, die während der Dreharbeiten zu einer Web-Show in einem abgelegenen Wald verschwand. Als verstörende Videoaufnahmen auftauchen, wird klar, dass Rileys Verschwinden mit dunklen Ereignissen aus der Vergangenheit zusammenhängt.

Vom Filmkritiker zum neuen Meister des Schreckens?
Es ist beinahe so, als hätte Stuckmann in seiner Zeit als Filmkritiker eine Liste erstellt mit allem, was er am Horrorgenre liebt, und versucht, all das in einen einzigen Film zu packen. „Shelby Oaks“ ist eine wilde Achterbahnfahrt durch verschiedene Subgenres, die das Horrorkino über Jahrzehnte definiert haben. Er beginnt als Mischung aus Found Footage, Mockumentary und True Crime, entwickelt sich zu einem Ermittlungsthriller und endet schließlich als okkulter Horror à la „Rosemary’s Baby“. Das ist unterhaltsam, man weiß nie genau, in welche Richtung es als Nächstes geht, bringt aber auch ein zentrales Problem mit sich: Stuckmanns Regiedebüt wirkt stellenweise unausgeglichen. Zu viele Ideen lassen „Shelby Oaks“ phasenweise überladen erscheinen, fast so, als wären mehrere Filme aneinandergenäht worden. Dass das Ganze dennoch weitgehend funktioniert, liegt an Stuckmanns Gespür für das Genre.

Man merkt deutlich, wo seine Leidenschaften und Inspirationen im Genre liegen, auch wenn er noch nicht ganz seine eigene Handschrift als Filmemacher findet. Charmant kopiert ist am Ende aber immer noch besser als schlecht selbst gemacht, und in Sachen Grusel wird hier definitiv geliefert. Am stärksten ist „Shelby Oaks“, wenn er sich auf die in den 2000ern angesiedelten Found-Footage-Passagen konzentriert, die nicht von ungefähr an „The Blair Witch Project“ erinnern und eine ähnlich unangenehme, schleichende Atmosphäre erzeugen. Es fühlt sich an, als würde man etwas sehen, das besser verborgen geblieben wäre. Auch die Ermittlungsszenen im Stil von „Longlegs“, getragen von einer starken Camille Sullivan, haben ihre Momente, selbst wenn sie nicht ganz so nachhaltig unter die Haut gehen. Eine Szene in einem verlassenen, gothic-angehauchten Gefängnis bleibt jedoch hängen und zeigt deutlich Stuckmanns Potenzial. Ein Potenzial, das er hoffentlich in Zukunft weiter ausbaut.

Fazit
„Shelby Oaks“ ist ein ambitioniertes Regiedebüt, das vor Ideen beinahe überquillt. Nicht alles greift perfekt ineinander, doch Stuckmanns spürbare Liebe zum Horrorgenre trägt den Film über seine Unebenheiten hinweg. Am stärksten ist er dann, wenn er auf Atmosphäre statt Konzept setzt – und genau dort zeigt sich das Potenzial für mehr.


