| Titel | Dolly |
| Genre | Horror, Thriller |
| Jahr | 2025 |
| FSK | ungeprüft |
| Regie | Rod Blackhurst |
Fantasy Filmfest White Nights 2026
Brahms bekommt Konkurrenz
Annabelle, Chucky, Megan – im Horrorgenre sind Puppen meist besessene oder dysfunktionale Spielzeuge, die durch äußere Einflüsse zur Bedrohung werden. Doch manchmal steckt das Grauen nicht im Übernatürlichen, sondern im Menschen selbst. Dann sind es Psychopathen, die sich hinter puppenhaften Masken verbergen, wie im wendungsreichen „The Boy“ oder in Slashern à la „The Hills Run Red“. Regisseur Rod Blackhurst schlägt mit seinem kompromisslosen „Dolly“ genau diesen Weg ein und präsentiert eine Antagonistin, die einem sprichwörtlich das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Blackhurst machte zunächst mit dem Kurzfilm „Night Swim“ auf sich aufmerksam, der später eher glücklos als Spielfilm adaptiert wurde. Anschließend etablierte er sich als Regisseur mehrerer True-Crime-Dokumentationen, unter anderem über Amanda Knox oder John Wayne Gacy. Mit „Dolly“ scheint er nun deutlich radikalere Töne anzuschlagen. Erste Stimmen sprechen von einer Mischung aus düsterem Folk Horror und der kompromisslosen Brutalität der French Extremity. Im Zentrum steht die junge Macy (Fabianne Therese), die von einer monströsen Gestalt entführt wird, die sie fortan wie ihr eigenes Kind großziehen will.

Grimmsche Grausamkeit auf 16 Millimeter
Auf den Fantasy Filmfest White Nights wurde „Dolly“ bei der Einführung als „dreckiges Märchen“ bezeichnet. Ein Vergleich, der durchaus berechtigt ist. Thematisch inspiriert von den Märchen der Gebrüder Grimm und gedreht auf 16-mm-Film erinnert der Look an Filme wie „The Texas Chainsaw Massacre“ und damit an die goldene Ära der schmutzigen Horroratmosphäre. Körnige Aufnahmen, in Fäkalien gesuhlte Schauplätze und jede Menge Kunstblut: Blackhurst zollt optisch gekonnt den Klassikern der 70er Jahre Tribut. Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt. Was äußerlich nostalgische Gefühle auslöst, wird inhaltlich zur frustrierenden Aneinanderreihung liebloser Horrorklischees, die sich nicht einmal mehr als Hommage entschuldigen lassen. Hauptcharakter Macy stolpert durch falsche Entscheidungen von einer haarsträubenden Situation in die nächste. Nicht weil es auf natürliche Weise Sinn ergibt, sondern weil das Drehbuch und die offensichtlichen Vorbilder es so verlangen.

Neben den Gebrüdern Grimm hat sich Blackhurst auch deutlich beim modernen Horrorhit „Barbarian“ von Zach Cregger („Weapons“) bedient. Hommage ist dabei fast schon das falsche Wort, dreiste Kopie trifft es eher. Bis auf wenige Details verläuft die Geschichte nahezu identisch, wodurch eigentlich überraschende Wendungen meilenweit vorhersehbar sind, selbst ohne Kapiteleinblendungen. Blackhurst verfehlt es, seinem Film einen eigenen Stempel aufzudrücken. Das ist schade, denn sein Gespür für das Genre ist unverkennbar. Nicht zuletzt in der titelgebenden Figur Dolly, die den Film vor einem kompletten Reinfall bewahrt. Etwas mehr Hintergrundgeschichte wäre wünschenswert gewesen, doch unbestreitbar liefert Wrestler Max the Impaler hier eine beeindruckende Performance ab und überzeugt mit unheimlichen Bewegungen und vollem Körpereinsatz. Auch die blutigen Effekte können sich sehen lassen, vor allem in einem absurden Nebenplot, der sich zwar jeder Logik entzieht, aber gerade deshalb für Unterhaltung sorgt.

Fazit
„Dolly“ ist ein visuell schmutziger, angenehm kompromissloser Horrorfilm, der seine stärksten Momente dann hat, wenn er sich auf Atmosphäre, Gore und seine titelgebende Figur verlässt. Inhaltlich verliert er sich jedoch zu oft in bekannten Mustern und dreisten Anleihen, wodurch das Potenzial eines eigenständigen Albtraums verschenkt wird. Ein Film mit starkem Look, vereinzelten Highlights und einer Performance, die ihn gerade noch über Wasser hält.


