| Titel | Steal |
| Genre | Thriller |
| Jahr | 2025 |
| FSK | 16 |
| Creator | Sotiris Nikias |
Starttermin: 21.01.2026 | Prime Video
Sophie Turner im Geiselhaft auf Prime Video
Wir haben gelernt, Überfälle zu mögen. Zumindest jene, die uns das Kino seit Jahrzehnten verkauft: perfekt geplant, elegant durchgeführt, mit Männern, die aussehen, als hätten sie den Diebstahl eher als Freizeitbeschäftigung gewählt. Einer denkt, elf führen aus – „Ocean’s Eleven“ grüßt –, und am Ende sitzt man geschniegelt im Casino, das Geld sicher verstaut, der Abspann läuft. Ein Verbrechen ohne Opfer, ein Raub ohne Schuldgefühl. Aber diese Version existiert nur dort, wo Stil über Realität triumphiert. In der wirklichen Welt bedeuten Überfälle keine Coolness, sondern Kontrollverlust. Keine cleveren Täuschungen, sondern Maschinenpistolen. Keine smarten Held*innen, sondern Menschen, die zittern, während jemand Fremdes über ihr Leben entscheidet. Die Amazon Original Series „Steel“ reißt genau diese Illusion ein. Sie beginnt nicht mit einem Masterplan, sondern mit einem Einbruch der Gewalt. Männer stürmen ein Unternehmen, hinterlassen Angst, Chaos, verzweifelte Gesichter – und eine Luft, in der jede Sekunde alles schiefgehen kann.

Doch „Steel“ wäre kaum einen Blick wert, wenn sich die Serie mit dieser Perspektive zufriedengäbe. Sehr früh wird klar: Auch hier ist nichts eindeutig. Nicht die Täter, nicht die Opfer, nicht das, was auf den ersten Blick wie ein klassisches Ding aussieht. Im Zentrum steht Sarah, gespielt von Sophie Turner („Game of Thrones“). Für sie beginnt alles wie ein beliebiger Arbeitstag in einem Laden, der mit Geld arbeitet, das man nicht anfassen kann: ein international vernetzter Hedgefonds, sterile Büros, Bildschirme voller Zahlen, Entscheidungen mit globalem Gewicht und lokaler Gleichgültigkeit. Sarah ist gerade bei ihrem Kollegen Tom – Archie Madekwe, bekannt aus „Saltburn“ oder „Gran Turismo“ –, als der Alltag abrupt endet. Bewaffnete Männer dringen in das Gebäude ein, übernehmen die Kontrolle und formulieren ihre Forderung mit einer Kälte, die man fast greifen kann: Vier Milliarden sollen transferiert werden. Kein Schmuck, kein Tresor, sondern ein digitaler Raubzug unter dem Lauf der Waffe. Für Sarah und ihre Leute beginnt ein Ausnahmezustand, der weit über den eigentlichen Überfall hinausreicht. Denn selbst als das Geld den Besitzer wechselt, hört der Horror nicht auf. Genau hier löst sich „Steel“ von der üblichen Geisel-Dramaturgie.

Digitales Geld, realer Nervenkitzel
„Steel“ interessiert sich weniger für den Überfall selbst als für den emotionalen Kahlschlag danach – für Abhängigkeiten, moralische Schieflagen und die Frage, wer in diesem Spiel tatsächlich am Drücker sitzt. Wer bei dieser Amazon Serie einen Standard-Geisel-Krimi erwartet, bekommt ihn zunächst auch – vor allem in der ersten Episode. Und das greift erstaunlich gut. Die Inszenierung wirkt regelrecht nervös, die treibende Musik peitscht das Ganze an, die Kamera klebt an den Figuren. Obwohl kaum geschossen wird und Action im herkömmlichen Sinn fast gar nicht vorkommt, herrscht eine Dauerspannung. Sie liegt in der Luft, in den Sekunden zwischen den Sätzen, in der Panik, dass ein falsches Wort reicht, um alles hochgehen zu lassen. Diese erste Folge ist dicht, ungemütlich und sitzt einfach. Doch sie ist auch eine Art Falle. Denn von den sechs Episoden bedient eigentlich nur diese den klassischen Geisel-Thriller-Mechanismus. Danach biegt „Steel“ in eine andere Richtung ab. Die Serie bleibt zwar hektisch und aufwühlend, entscheidet sich aber bewusst gegen die äußere Eskalation. Stattdessen wandert der Fokus weg von der direkten Bedrohung, hin zu den Entscheidungen, die leiser ablaufen, aber keinen Deut weniger zerstörerisch wirken.

Sophie Turner fängt diesen Umschwung stark ein. Ihre Sarah ist keine Heldin im herkömmlichen Sinn, aber eben auch kein bloßes Opferlamm. Viel Hintergrund bekommt man weder von ihr noch von Tom, was Archie Madekwe mit einer wohltuend reduzierten Art auffängt. Doch genau darin liegt auch ein Haken der Serie. „Steel“ setzt manchmal zu sehr auf den Effekt statt auf das psychologische Fundament. Das funktioniert meistens, lässt aber erzählerisches Potenzial liegen. Einige Entwicklungen sind leichter zu durchschauen, als die Serie es sich wohl selbst erhofft, und der von uns mit Absicht nicht angesprochene Plot-Twist nicht weniger vorhersehbar. Trotzdem bleibt „Steel“ ein versiert erzählter, stimmungsvoller Thriller, der genau weiß, wie er seine Zuschauerschaft bei der Stange hält. Nach zwei Episoden ist man drin – nicht, weil das Rad hier neu erfunden wird, sondern weil die Serie ihre eigene Anspannung konsequent durchzieht. Man bleibt dran, will wissen, wie sich dieses Knäuel aus Geld, Gewalt und Abhängigkeit entwirrt – und bekommt am Ende genau das: keine glatte Illusion, sondern ein unterkühltes, funktionierendes Stück Fernsehen.

Fazit
Als Thriller nicht revolutionär, aber atmosphärisch dicht, bleibt „Steel“ eine Serie, die ihre Zuschauerschaft konsequent unter Spannung setzt.
[Fazit nach zwei Episoden]


