| Titel | No Other Choice |
| Genre | Thriller, Komödie |
| Jahr | 2025 |
| FSK | 16 |
| Regie | Park Chan-wook |
Kinostart: 05.02.2026
Mord als Karriereoption
Der aktuelle Arbeitsmarkt ist die Hölle. Einerseits fehlen in vielen Bereichen dringend benötigte Arbeitskräfte, andererseits bekommen selbst hochqualifizierte und motivierte Menschen kaum noch eine passende Stelle. Und wenn doch, dann oft erst nach fast demütigend langen und komplizierten Bewerbungsprozessen, nur um am Ende für einen Hungerlohn und ein bisschen Obst als angeblichen Benefit zu schuften – jederzeit ersetzbar, jederzeit austauschbar. In „No Other Choice“ ist genau diese Verzweiflung Grund genug für Mord. Kultregisseur Park Chan-Wook, bestens bekannt durch seinen schockierenden Rachethriller „Oldboy“, liefert mit satirischer Schärfe und einer gehörigen Prise Brutalität einen ungeschönten Blick darauf, was passiert, wenn Arbeit zur eigenen Identität wird – und diese plötzlich ins Wanken gerät.

In der Hauptrolle ist Lee Byung-hun zu sehen, der durch seine Darstellung des eiskalten Frontmanns in der Serie „Squid Game“ weltweite Bekanntheit erlangte und in „No Other Choice“ nun ganz andere Facetten zeigt. Er spielt den Papierfabrikarbeiter Man-Soo, der nach über zwei Jahrzehnten gekündigt wird und vor der schwierigen Aufgabe steht, sich neu zu orientieren, um weiterhin für seine Familie sorgen zu können. Als eine heiß umkämpfte Stelle in einem großen Unternehmen frei wird, erkennt Man-Soo schnell, wie gering seine Chancen sind und fasst einen teuflischen Plan, um seine Konkurrenz auszuschalten.

Von den Squid Games zur blutigen Jobsuche
„Ich hatte keine andere Wahl“ – eine Ausrede, die man aus unzähligen Filmen kennt, meist benutzt von klar definierten Bösewichten oder tragischen Antihelden. Park Chan-wook („Die Frau im Nebel“) stellt diese Aussage in „No Other Choice“ jedoch in einen beunruhigend realistischen Kontext. Man-Soo ist kein klassisches Monster, sondern ein verzweifelter Familienvater, dessen gesamtes Selbstbild an seiner Arbeit hängt. Als ihm nach über zwei Jahrzehnten der Boden unter den Füßen weggezogen wird, beginnt ein schleichender moralischer Zerfall, der weniger aus Bosheit entsteht als aus Angst, Scham und dem verzweifelten Festhalten an einer Identität, die längst keine Zukunft mehr hat. Lee Byung-hun verkörpert Man-Soo als einen Mann, den Erwartungsdruck und gesellschaftliche Normen langsam von innen aushöhlen. Seine Verzweiflung äußert sich nicht in großen Ausbrüchen, sondern in leisen Gesten: in Höflichkeit, die immer angestrengter wirkt, in einem Lächeln, das einen Moment zu lange hält. Mit jeder Zurückweisung scheint er ein Stück weiter zu schrumpfen. Man-Soo wird nicht über Nacht zum Mörder. Sein Absturz ist ein Prozess, ein langsames Erodieren, das erschreckend nachvollziehbar bleibt.

Genau darin liegt die Stärke des Films: Park Chan-wook inszeniert seine Hauptfigur nicht als Einzelfall, sondern als Symptom eines Systems, das Menschen austauschbar macht. Man-Soo ist letztlich nur eine Spielfigur in der Absurdität des Spätkapitalismus, in einer Zukunft des Arbeitsmarktes, in der günstige Technologie menschliche Leistung immer weiter verdrängt. Seine Opfer sind nicht die üblichen Gegenspieler, sondern Spiegelbilder seiner selbst – Menschen, die im selben Spiel gefangen sind und unterschiedlich verzweifelt versuchen, darin zu überleben. Das verleiht dem Film eine beinahe poetische, zugleich zutiefst bittere Ebene. Im letzten Drittel wirkt „No Other Choice“ stellenweise etwas zu konstruiert. Die Art, wie Man-Soo aus manchen brenzligen Situationen entkommt, verlässt die Logik zugunsten überzeichneter Zufälle. Doch vielleicht ist genau das Teil der Aussage: Seine eigentliche Strafe ist nicht die Tat selbst, sondern das Gefangensein in einem System, das Stillstand belohnt und Veränderung bestraft. Denn obwohl sich ihm immer wieder alternative Wege öffnen, entscheidet sich Man-Soo dagegen. Nicht aus Mangel an Optionen, sondern aus der Angst, seine Fassade aufzugeben. Mord erscheint ihm logischer, als einzugestehen, dass es für das Leben, dem er 25 Jahre geopfert hat, keinen Platz mehr gibt. Und genau diese Erkenntnis macht „No Other Choice“ so verstörend: Die Tragödie liegt nicht nur in Man-Soos Entscheidungen, sondern in einer Welt, die sie überhaupt erst plausibel erscheinen lässt.

Fazit
„No Other Choice“ ist eine bitterböse Satire, die persönliche Verzweiflung und systemische Kälte miteinander verknüpft. Park Chan-wook balanciert schwarzen Humor und Brutalität so präzise, dass man sich beim Lachen fast ertappt fühlt. Ein Film, der unterhält, schockiert und zugleich ein erschreckend klares Bild eines Arbeitsmarktes zeichnet, der seine Menschen austauschbar macht.


