| Titel | The Holy Boy |
| Genre | Horror, Drama |
| Jahr | 2025 |
| FSK | ungeprüft |
| Regie | Paolo Strippoli |
Fantasy Filmfest White Nights 2026
Die Anatomie der Verdrängung
Schmerz und Trauer sind keine Gäste, die man nach Belieben vor die Tür setzen kann. Sie sind ein notwendiges Übel, eine fundamentale menschliche Erfahrung, die verarbeitet werden muss, anstatt sie in die dunklen Kammern des Unterbewusstseins zu verbannen. Wer versucht, das Leid auszulagern, es abzuschütteln oder schlicht zu ignorieren, erschafft ein emotionales Vakuum, das früher oder später implodieren muss. Paolo Strippoli („A Classic Horror Story“) findet genau in dieser Verdrängung den realen Horror menschlicher Traumata und nutzt „The Holy Boy“, um die menschliche Psyche unter dem Mikroskop des Unheimlichen zu sezieren. Dabei entlarvt das italienisch–slowenische Horrordrama die gefährliche Dynamik einer kollektiven Verdrängung und zeigt auf, wie der Versuch, sich dem Schmerz zu entziehen, in den Missbrauch und die systematische Ausbeutung der Unschuld führt.

Die Handlung führt uns in das abgelegene italienische Bergdorf Remis. Es ist ein Ort, an dem die Zeit nicht nur stillzustehen scheint, sondern an dem die physikalischen Gesetze der menschlichen Emotion ausgehebelt wirken. Die Gemeinschaft wirkt seltsam entrückt, frei von jeglichem Groll und erfüllt von einer beinahe ekstatischen, fast schon unheimlichen Heiterkeit. In dieses vermeintliche Idylle gerät Sergio (Michele Riondino). Der ehemalige Judo-Champion hat alles verloren; sein Leben ist von einem schweren persönlichen Verlust gezeichnet. Als Sportlehrer sucht er in der Abgeschiedenheit der Berge einen Neuanfang. Doch hinter der Fassade der kollektiven Glückseligkeit stößt er auf ein archaisches Ritual, das das grausame Fundament des Dorflebens bildet. Im Zentrum dieser Ordnung steht der 15-jährige Matteo (Giulio Feltri), ein introvertierter Junge, der in das Leben des Dorfes stark eingebunden ist. Sergio erkennt jedoch schnell, dass etwas nicht stimmt, da Matteo von der Dorfgemeinschaft auf eine ungewöhnliche Weise verehrt wird. Sergio beginnt, die Hintergründe dieser Verehrung zu hinterfragen. Als Sergio versucht, mehr über die Rolle des Jungen herauszufinden, stößt er auf Widerstand. Er sieht sich einer Gemeinschaft gegenüber, die bereit ist, ihre Geheimnisse mit allen Mitteln zu verteidigen.

Horror jenseits des Jumpscares
Was bedeuten laute Schockeffekte, blutige Gewaltspitzen oder ein rastlos vorgetragener Spannungsbogen, wenn der emotionale Punch ausbleibt? Der Horrorfilm krankt oft an seiner Oberflächlichkeit. Doch Horror ist – oder sollte zumindest sein – mehr als nur das mechanische Abspulen von Jumpscares und Gore-Effekten. Würde man lediglich diese oberflächlichen Attribute zur Definition des Genres heranziehen, wäre „The Holy Boy“ streng genommen kein Horrorfilm. Doch das ist er zweifellos – und dazu einer, der nichts Geringeres im Sinn zu haben scheint, als sein Publikum emotional zu brechen. Strippoli wählt hierfür einen bedächtigen Ansatz. „The Holy Boy“ ist langsam, fast schon meditativ charakterfixiert und schöpft genau daraus seine explosive Sprengkraft. Diese Energie entlädt sich nicht in einer plötzlichen Explosion, sondern entwickelt sich ab der Hälfte der Spielzeit zu einem permanenten, unerträglichen Brennen. Das Ergebnis ist wie ein Flächenbrand, wie flüssiges Napalm, das auf der Haut haftet und nicht aufhört zu zehren.

Dabei wirkt das Drehbuch während der ausladenden Exposition zunächst etwas zerfasert. Man braucht Geduld, um sich auf das gemächliche Tempo einzulassen. Doch dieser Aufbau ist kalkuliert. Wo andere Genrebeiträge den Horror meist nur aus der Perspektive des Protagonisten beleuchten, räumt Strippoli der antagonistischen Kraft – der Dorfgemeinschaft und dem System hinter Matteo – ebenso viel Raum ein. Daraus entsteht eine komplexe Figurenstudie, die dem Grauen einen notwendigen emotionalen Unterbau verleiht. Der Horror wird hier durch wuchtige Bilder und einen zutiefst aufwühlenden Score manifestiert. Und wenn sich die Gänsehaut dann schließlich Bahn bricht, dann geschieht dies nicht allein wegen der schockierenden visuellen Reize, sondern aufgrund der tragischen Schicksale, die sich vor unseren Augen entfalten. „The Holy Boy“ ist gruselig und unheimlich, ja, aber er ist in erster Linie zutiefst traurig – mit der emotionalen Wucht eines „Hereditary“. Die Art von Horror, die als Drama beginnt und als psychologischer Albtraum endet. Wenn sich am Ende also die Härchen am ganzen Körper aufstellen, beginnt es auch hinter den Augen zu brennen.

Fazit
Der wahre Schrecken liegt nicht in dem, was uns angreift, sondern in dem, was wir bereit sind zu opfern, um nicht fühlen zu müssen. „The Holy Boy“ ist ein Film, der wehtut – und genau deshalb gesehen werden muss.


