Crazy Old Lady: Kritik zum Film – Ein moderner Erbe von Stephen Kings „Misery“?

Crazy Old Lady Film 2025
TitelCrazy Old Lady
Genre Horror, Thriller
Jahr2025
FSKungeprüft
Regie Martín Mauregui

Fantasy Filmfest White Nights 2026

Demenz als Kulisse des Horrors

Demenz ist die Manifestation des wahrhaftigen Horrors: ein schleichender, unerbittlicher und unaufhaltsamer Verfall. Hier schnappt keine Falle zu, kein Blut spritzt auf Knopfdruck, und doch ist diese Form der Auslöschung furchteinflößender als jedes filmische Klischee. Es ist das schrittweise Verschwinden des Ichs: Vertraute Gesichter werden zu unlösbaren Rätseln, die eigene Biografie verkommt zum fragmentierten Albtraum. Für die Angehörigen bedeutet dies ein tägliches Ausharren am Abgrund, das Warten auf die nächste kleine Verschiebung der Realität. Diesen psychologischen Zerfall nutzt Regisseur Martín Mauregui als emotionales Fundament für seinen Thriller „Crazy Old Lady“. Die Prämisse ist klassisch: Pedro (Daniel Hendler) folgt dem Hilferuf seiner Ex-Freundin Laura und erklärt sich bereit, eine Nacht über deren demente Mutter Alicia (Carmen Maura) zu wachen. Doch kaum hat er die Schwelle des verfallenen Anwesens überschritten, wandelt sich die Fürsorge zum mörderischen Kammerspiel. In ihrem Wahn verwechselt Alicia den Gast mit einem Geliebten aus einer finsteren Vergangenheit – und macht ihn gnadenlos zu ihrem Gefangenen.

Crazy Old Lady Film 2025
Crazy Old Lady ©The Festival Agency

Mauregui inszeniert Genrekino ohne doppelten Boden. Handwerklich ist „Crazy Old Lady“ dabei über weite Strecken durchaus gelungen: Die Kulissen atmen Verfall, die Kamera fängt eine dichte, beklemmende Atmosphäre ein. Doch die formale Souveränität kann nicht über einen eklatanten Mangel an erzählerischem Wagemut hinwegtäuschen. Dabei blitzt das wahre Potenzial des Stoffes immer dann auf, wenn „Crazy Old Lady“ in diabolisch schwarzen Humor abgleitet. Diese Momente sind absurd, bösartig und von einer erfrischenden Respektlosigkeit – leider bleiben sie seltene Lichtblicke. Anstatt die Grenzen des Erträglichen oder Grotesken neu auszuloten, flüchtet sich die Erzählung allzu oft in den sicheren Hafen bewährter Genre-Tropen. Ein glühender Schürhaken hier, eine Fleischwunde dort – es ist das hinlänglich bekannte Einmaleins des Torture Porn, das seit den Hochzeiten von „Hostel“ kaum noch Schrecken verbreitet.

Zu zahm für echten Wahnsinn

So verliert die Gewalt in „Crazy Old Lady“ paradoxerweise an Wirkung; sie erstarrt zum rituellen Selbstzweck. Das Kammerspiel, das unweigerlich Erinnerungen an Stephen Kings „Misery“ weckt, krankt zudem an seiner funktionalen Skizzierung. In einem Stück, das fast ausschließlich von zwei Personen getragen wird, müsste jedes Wort Subtext atmen, jede Reaktion ein psychologisches Gewicht besitzen. Doch Pedro bleibt ein blasser Spielball des Skripts, dem es an markanten Konturen fehlt. Auch Alicias psychischer Zustand bleibt eine vertane Chance. Zwar fungiert die Demenz als Katalysator für das Grauen, doch dient sie lediglich als narratives Gimmick, nicht als Thema. Trauma, Erinnerung und Gegenwart verschmelzen, ohne jemals eine tiefere psychologische Resonanz zu erzeugen. Alicias blutiges Handeln wird zwar motiviert, doch die existenzielle Tragik ihres Zustands bleibt oberflächlich.

Crazy Old Lady Film 2025
Crazy Old Lady ©The Festival Agency

Wenn „Crazy Old Lady“ für wenige, kurze Momente die Bosheit mit einem sardonischen Grinsen zelebriert – selbst wenn es um das Schicksal eines Hundes geht –, erahnt man den weitaus radikaleren Film, der hier möglich gewesen wäre. Was letztlich bleibt, ist ein atmosphärisch punktuell überzeugender Thriller, dem jedoch der Mut zur Dekonstruktion fehlt. „Crazy Old Lady“ spult das vertraute Genre-Programm versiert ab, hinterlässt aber kaum eigene Spuren. Er kratzt an der Oberfläche des Wahnsinns, lässt seine Figuren leiden, dringt aber nie tief genug in die Abgründe der menschlichen Psyche vor. Ein Film, der seinen Vorbildern treu bleibt – und genau deshalb seltsam zahm wirkt.

Crazy Old Lady Film 2025
Crazy Old Lady ©The Festival Agency

Fazit

Handwerklich solide, doch erzählerisch zu zahm: „Crazy Old Lady“ nutzt das Grauen der Demenz nur als Kulisse und verliert sich trotz hämischer Momente in bekannten Genre-Klischees.

Bewertung: 2.5 von 5.
Fantasy Filmfest White Nights 2026 Kritik
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