| Titel | Madame Kika |
| Genre | Drama |
| Jahr | 2025 |
| FSK | 16 |
| Regie | Alexe Poukine |
Kinostart: 15.01.2026
Wenn der Boden unter den Füßen bricht
Der Weg in die Sexarbeit wird im Kino oft entweder als glamouröses Empowerment-Märchen oder als tiefschwarzes Elendsdrama inszeniert. Die Realität dazwischen ist jedoch meist komplexer, geprägt von ökonomischem Zwang und persönlichen Tragödien. In den seltensten Fällen ist dieser Weg ein rein selbstgewählter Akt der Freiheit; meist ist er das Resultat schwindender Alternativen. Auch die Titelfigur von Alexe Poukines Spielfilmdebüt „Madame Kika“ teilt dieses Schicksal. Als Sozialarbeiterin ist Kika es gewohnt, diejenige zu sein, die das Sicherheitsnetz hält. Sie berät Menschen in prekären Lagen, hört zu und weist Wege aus der Krise. Doch als ein plötzlicher Schicksalsschlag ihr eigenes Fundament zertrümmert, findet sie sich an genau dem Punkt wieder, vor dem sie andere immer bewahren wollte. Aber wer hilft eigentlich denen, die professionell beim Helfen sind, wenn sie selbst den Boden unter den Füßen verlieren?

Die Handlung von „Madame Kika“ führt uns nach Brüssel, in das Leben einer Frau Mitte dreißig, die eigentlich alles im Griff zu haben schien. Kika (gespielt von Manon Clavel) ist hochschwanger, als ihr Partner völlig unerwartet verstirbt. Zurück bleiben nicht nur Trauer und eine kleine Tochter, sondern auch ein Schuldenberg und die drohende Obdachlosigkeit. In ihrer Verzweiflung sucht sie nach einem Ausweg, der schnell genug Geld einbringt, um ihre Existenz zu sichern, ohne ihre Seele komplett zu verkaufen. Sie stößt auf die Welt des BDSM. Unter der Anleitung einer erfahrenen Kollegin verwandelt sich die empathische Sozialarbeiterin in eine Domina. Während sie tagsüber noch versucht, die Trümmer ihres alten Lebens zusammenzuhalten, lernt sie nachts, wie man Macht ausübt und Schmerz instrumentalisiert. Doch was als rein pragmatische Entscheidung beginnt, entwickelt eine Eigendynamik, die sie mehr und mehr zu sich selbst finden lässt.

Selbsterkenntnis mit Peitsche und Knebel
In der Kritik wird oft debattiert, ob BDSM die „sanftere“ Form der Sexarbeit sei – getrieben vom Verlangen, Schmerz zu empfangen oder zu geben, findet hier oft eine Begegnung statt, die ohne den klassischen Geschlechtsverkehr auskommt. Für Kika scheint dies zunächst die weniger unangenehme Art des Broterwerbs zu sein, eine Nische, in der sie ihre körperliche Integrität wahren kann. „Madame Kika“ erzählt in fast episodischen Kapiteln von dieser Transformation. Was zunächst wie ein vorsichtiger Aufbruch in ein neues Glück wirkt – inklusive einer zarten neuen Liebe und dem Gefühl, endlich aus den Zwängen einer ehemals seelenlosen Routine ausgebrochen zu sein –, wandelt sich durch die unerbittliche Realität der Umstände zu einem eindringlichen Charakterdrama. Poukine zeigt den Abstieg nicht als reißerisches Spektakel, sondern als schleichenden Prozess. Erst half sie Menschen, jetzt ist sie mittellos. Doch „Madame Kika“ ist kein Untergangsfilm. In ihrer gesellschaftlich verpönten Tätigkeit findet die Protagonistin eine unerwartete Form der Selbsterkenntnis. Der Dienst an den Fetischen der anderen spiegelt ihre eigenen inneren Wunden wider und zwingt sie zu einer Konfrontation mit sich selbst, die sie im bürgerlichen Leben wohl nie gewagt hätte.

Was das französisch–belgische Drama so besonders macht, ist seine visuelle und erzählerische Umsetzung. Im dokumentarischen Stil gefilmt, atmet jede Einstellung eine immense Natürlichkeit und Authentizität. Nichts wirkt hier künstlich ausgeleuchtet oder dramaturgisch überhöht. Allen voran überzeugt Hauptdarstellerin Manon Clavel in ihrer ersten großen Kinorolle. Sie agiert mit einer beeindruckenden Unmittelbarkeit; ihr Spiel wirkt so echt wie das Schicksal, das sie verkörpert. Auch die Dialoge verzichten auf theatralische Floskeln; sie klingen nach echtem Leben, nach Brüsseler Hinterhöfen und ungefilterten Emotionen. Die Kamera fängt Bilder ein, die nah am Menschen bleiben, ohne voyeuristischen Unterton. Das macht „Madame Kika“ zu einem „echten“ Film – im besten Sinne des Wortes. Er ist tragisch und nachdenklich zugleich, lässt die Zuschauerschaft aber trotz der Schwere des Stoffes nicht in vollkommener Hoffnungslosigkeit zurück. Es gibt Momente von warmer Emotionalität, die zeigen, dass menschliche Nähe auch dort entstehen kann, wo man sie am wenigsten vermutet. Alexe Poukine beweist ein tiefes Verständnis für das Metier, in dem ihr Film spielt, und begegnet ihren Figuren mit großem Respekt und ohne jedes Vorurteil. Ein leiser Film, der auf die großen Knalleffekte des Kinos verzichtet und stattdessen durch seine Unaufdringlichkeit und Nahbarkeit besticht. Wer ein lautes Spektakel sucht, wird enttäuscht, wer sich auf diese stille, kraftvolle Studie einer Frau am Abgrund einlässt, mit einer Geschichte belohnt, die noch lange nach dem Abspann im Gedächtnis bleibt.

Fazit
„Madame Kika“ ist ein tief bewegendes Drama über den schmalen Grat zwischen sozialer Not und Überlebenswillen. Dank Manon Clavels authentischem Spiel wird der Weg in die Sexarbeit jenseits aller Klischees spürbar.


