Hamnet: Kritik zum Film – Chloé Zhao auf Oscar-Kurs?

Hamnet Film 2025
TitelHamnet
Genre Drama
Jahr2025
FSK16
RegieChloé Zhao

Kinostart: 22.01.2025

Kunst als letzte Zuflucht vor dem Schmerz

In ihrer noch jungen Karriere hat Regisseurin Chloé Zhao bereits beeindruckende Projekte auf die Beine gestellt und mit dem poetischen „Nomadland“ sogar einen Oscar für den besten Film eingeheimst. Doch Zhao schränkt sich in ihrer Kunst nicht ein und verlieh auch Mainstream-Franchises wie dem MCU einen neuen Anstrich. Nicht jeder mag ein Fan von „Eternals“ sein, doch ihr Gespür für Charaktertiefe verlieh dem Superheldenfilm eine ganz eigene Note und hob ihn gekonnt vom Einheitsbrei ab. Im nächsten Jahr macht sie einen Abstecher in die Welt des Fernsehens und präsentiert dort ihr Reboot der ikonischen Horrorserie „Buffy – Im Bann der Dämonen“.

Hamnet Film 2025
Hamnet ©Focus Features, LLC.

Zuvor taucht sie in die Welt von Shakespeare ein – perfekt für den träumerischen, sensiblen Stil der 43-Jährigen und erneut ein heißer Kandidat für die nächste Oscarverleihung. Basierend auf dem gleichnamigen Buch „Hamnet“ wird die tragische Entstehungsgeschichte hinter dem Theaterstück „Hamlet“ erzählt. Agnes (Jessie Buckley) wird in ihrem Heimatort als Tochter einer Waldhexe abgestempelt, die Einwohner meiden sie und reden hinter ihrem Rücken. Als der junge Will (Paul Mescal) in die Stadt kommt, um die Schulden seines Vaters als Lehrer abzuarbeiten, ist er sofort fasziniert von Agnes – und es erblüht eine zarte Liebe. Jahre später wächst die Familie um drei Kinder, doch die feinfühlige Agnes spürt, dass Unheil bevorsteht, und soll Recht behalten. Ein schwerer Schicksalsschlag erschüttert das Leben aller und setzt einen Heilungsprozess in Gang, der erst durch die Kraft der Kunst wirklich möglich wird.

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Ein visuelles Gedicht über Liebe, Verlust und die Magie der Worte

„Hamnet“ zu schauen ist, als würde man sich wieder auf seinen Ex einlassen: Es fühlt sich anfangs vielleicht gut an, irgendwie vertraut, doch man weiß, dass es einem am Ende das Herz herausreißen wird. Die zärtlichen Anfänge einer glücklichen Ehe, die liebevollen Familienmomente – all das wird überschattet von einer bedrückenden Atmosphäre, einem unerträglichen Warten auf das unvermeidliche tragische Ende. Man weiß, was kommen wird, und dennoch trifft es einen wie ein Schlag in die Magengrube. Agnes sieht eine dunkle Leere in Will, und genau diese hinterlässt das melancholische Werk von Chloé Zhao auch beim Publikum. Emotional auslaugend, beinahe betäubend. Und doch ist „Hamnet“ gleichzeitig eines der schönsten Stücke Filmgeschichte, das in den letzten Jahren über die Leinwand flimmerte. Jede Kameraeinstellung, jedes Stück Dialog wirkt wie ein Gedicht. Eine Ode an die Macht der Worte und an die Kunst, die aus ihnen entsteht. Tragischerweise entsteht die beste Kunst oftmals aus schmerzvollen Erfahrungen, wie die meisten Künstler bestätigen würden. Schmerz ist das wohl unverfälschteste menschliche Gefühl – unmittelbar und zwingend. Eine universelle Erfahrung, die keinerlei Interpretation erfordert. Und was tut mehr weh als der Verlust eines Kindes? Die Person zu verlieren, die man geboren hat, die man bedingungslos lieben und beschützen sollte.

Hamnet Film 2025
Hamnet ©Focus Features, LLC.

„Hamnet“ zeigt auf authentische und mitreißende Weise, wie unterschiedlich sich Trauer in Menschen manifestieren kann – wie die einen sie nach außen tragen und die anderen in sich verschließen – und wie daraus etwas Unerwartetes, etwas Heilendes entstehen kann. Etwas für die Ewigkeit. Zhao erzählt gewohnt ruhig und intim, wie ein leises, vorsichtiges Annähern an die menschliche Verletzlichkeit. Jeder Moment ist bedeutungsvoll und baut behutsam aufeinander auf, wie ein Kreis, in dem alles miteinander verwoben ist. An einem Punkt hadert Will mit seiner Identität, fühlt sich verloren, bis Agnes ihm die Freiheit gibt, seine Berufung zu finden und auszuleben. Aus dieser entsteht wiederum die Kunst, die Agnes hilft, ihre Trauer zu überwinden – ein wunderschöner full circle moment. Es ist diese Liebe zu ihren Figuren und Details, die „Hamnet“ seine emotionale Wucht verleiht. Dazu kommen die beeindruckenden Performances: Jessie Buckley, die sich mit voller Intensität in Agnes hineinwirft; Paul Mescal, der die Rolle des stillen, sensiblen Melancholikers inzwischen perfektioniert hat; und Jacobi Jupe, der mit jungen Jahren das Herzstück der Geschichte bildet. Noch berührender wird es durch die Besetzung seines Bruders Noah Jupe als Hamlet – ein weiteres Detail, das Chloé Zhaos Gespür für emotionale Tiefe meisterhaft unterstreicht.

Hamnet Film 2025
Hamnet ©Focus Features, LLC.

Fazit

„Hamnet“ ist ein visuell überwältigendes und emotional zutiefst forderndes Werk, das die Grenzen zwischen Schmerz und Schönheit eindrucksvoll verschwimmen lässt. Chloé Zhao verbindet intime Figurenmomente mit poetischer Bildsprache und erschafft daraus ein Kunstwerk, das lange nachhallt. Getragen von herausragenden Darbietungen – allen voran Jessie Buckley – wird die Geschichte zu einer bittersüßen Meditation über Verlust, Liebe und den tröstenden Wert von Kunst. Ein Film, der weh tut, aber genau darin seine kathartische Kraft findet.

Bewertung: 4.5 von 5.
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