| Titel | Sirens |
| Genre | Drama, Komödie |
| Jahr | 2025 |
| FSK | 12 |
| Creator | Molly Smith Metzle |
Starttermin: 22.05.2025 | Netflix
Zwischen Luxus und Identitätsverlust
Alles wirkt wie aus einem Guss: glatte Steinböden, gedämpftes Licht, der Wein perfekt temperiert. Gespräche fließen beiläufig, das Lächeln sitzt wie das leichte Designermarken-gelabelte Sommerkleid, nichts ist dem Zufall überlassen. Eine Welt, in der alles möglich scheint – leicht, elegant, dekadent. Man fühlt sich auserwählt, wenn man hier sitzen darf. Doch die Serienwelt hat die Wohlstandsfassade längst durchschaut: Hinter dem Lächeln regiert meist Kontrolle, hinter der Großzügigkeit lauert nicht selten Abhängigkeit. Auch in “Sirens”, der starbesetzung Miniserie von Netflix, entpuppt sich der Luxus als Tarnung – schön genug, um zu blenden, durchlässig genug, um die Schatten dahinter erahnen zu können. Denn was wie Freiheit aussieht, ist oft nur ein sorgfältig kuratiertes Gefängnis mit Aussicht – oder etwa doch nicht?

Und darum geht es…
Als die bodenständige Sozialarbeiterin Devon DeWitt (Meghann Fahy) ihre jüngere Schwester Simone (Milly Alcock) auf einer abgelegenen Insel in einem luxuriösen Anwesen besucht, wittert sie Gefahr. Simone arbeitet dort als Assistentin der wohlhabenden, charismatischen Michaela Kell (Julianne Moore), die mit ihrem Ehemann Peter Kell (Kevin Bacon) in einer luxuriösen Villa lebt. Devon glaubt, Simone sei in eine ungesunde Abhängigkeit zu ihrer Arbeitgeberin geraten – und reist an, um sie zu „befreien“. Doch das vermeintliche Rettungswochenende wird zur existenziellen Zerreißprobe: Während Devon versucht, ihre Schwester zurückzugewinnen, gerät sie selbst zunehmend in den Sog dieser verführerischen Welt aus Reichtum, Kontrolle und subtiler Manipulation.

Schöner die Sirenen nie sangen!
Der Sirenengesang des Wohlstands ist einladend – aber trügerisch. Wer sich von der edel stilisierten Oberfläche von “Sirens” einlullen lässt, erwartet womöglich ein klassisches Mystery–Drama, vielleicht sogar eine dystopische Tour de Force à la “Get Out” oder ein groteskes Albtraumszenario im Stil von “The Menu”. Doch die fünfteilige Miniserie schlägt einen anderen Ton an: leise, schleichend – und einnehmend in seiner Zurückhaltung. Kein lauter Thriller, kein blutiges Machtspiel, oder gar viszeraler Horror, sondern ein psychologisch durchkomponiertes Charakterportrait, in dem Manipulation nicht mit Gewalt, sondern mit Charme, Fürsorge und privilegierter Leichtigkeit funktioniert. Dazu passt auch die irritierend heitere Tonalität. Die Dialoge sind schnippisch, die Bildgestaltung sonnendurchflutet, das Setting einladend. Und gerade darin liegt das Unbehagen: “Sirens” spielt mit der Diskrepanz zwischen augenscheinlicher Harmonie und unterschwelliger Manipulation – was als Einladung beginnt, offenbart sich als Geflecht aus psychologischem Chaos mit bemerkenswert vielschichtiger Charakterzeichnung, bis in die kleinste Nebenfiguren. Der Humor, der sich zwischen den Zeilen findet, ist nie entlastend, sondern unterstreicht die Ambivalenz des Settings: ein bitteres Lächeln hinter den Stäben des goldenen Käfigs.

Im Zentrum steht die Beziehung zweier Schwestern, deren Nähe, Distanz und gegenseitige Projektionen von Szene zu Szene neu verhandelt werden. Fahy Fahy und insbesondere Alcock, die jede Szene mühelos an sich reißt, spielen mit nuancierter Wucht – präzise, verletzlich, unberechenbar. Es sind weniger große Gesten als kleine Verschiebungen in Blicken und Reaktionen, die die Dynamik zwischen Devon und Simone aufwühlen. Und während Julianne Moore in ihrer Rolle als Michaela Kell souverän eine Mischung aus Kälte, Wärme und kultischer Verführung verkörpert, bleibt sie nicht der Fokus. “Sirens” ist in erster Linie eine Geschichte über Bindung, Abhängigkeit und die Frage, wie viel Identität wir bereit sind aufzugeben, um dazuzugehören. Thematisch kreist das Netflix Original um Klasse, Traumata und emotionale Co-Abhängigkeit. Keine plumpe Karikatur des Reichtums, sondern eine Bestandsaufnahme von toxischen Machtverhältnissen zwischen Fürsorge und Besitz. Der Luxus wird zur moralischen Grauzone, in der Privilegien nicht offen missbraucht, sondern charmant internalisiert werden. “Sirens” entlarvt nicht das System Reichtum als solches, sondern die Sehnsucht, darin Bedeutung und Geborgenheit zu finden – selbst um den Preis der Selbstaufgabe. Somit liegt das wahre Mysterium nicht in einer konkreten Enthüllung, sondern in der allmählichen Erosion der Gewissheiten: Was ist Fürsorge, was ist Kontrolle? Wer schützt hier wen – und wovor? Und kann es sein, dass das Gefängnis manchmal bequemer ist als die Freiheit?

Fazit
Gesellschaftssatire, Charakterstudie und psychologisches Kammerspiel: “Sirens” verführt mit eleganter Leichtfüßigkeit – und entlarvt still, aber schonungslos die Mechanismen moderner Abhängigkeit!


