| Titel | Un/Dressed |
| Genre | Erotik, Thriller |
| Jahr | 2024 |
| FSK | 16 |
| Regie | Tim Trachte |
Starttermin: 20.09.2024 | Prime Video
Das deutsche “Fifty Shades of Grey”!?
Es ist ein offenes Geheimnis: Sex verkauft sich wie warme Semmeln, und die Regale sind voll davon. Ob in der Werbung, im Kino oder auf den Titelblättern der Magazine – überall blitzen Haut, Kurven und verheißungsvolle Blicke. Die Formel ist einfach, beinahe erschreckend simpel: Wo der Verstand versagt, triumphieren die animalischen Triebe. Warum eine tiefgründige Handlung schreiben, wenn ein lasziver Blick und ein entblößtes Dekolleté den gleichen Effekt erzielen? Oder noch einfach: Warum nicht einfach gleich einen bestehenden Trend aufgreifen, der sich diese Formel zu eigen gemacht hat, statt selbst kreativ zu werden. Mit dem schlüpfrigen Amazon Original “Un/Dressed” bekommt Deutschland jetzt jedenfalls sein ganz persönliches “Fifty Shades of Grey” – ob das gut geht?

Und darum geht es…
Elle (Lena Meckel) ist eine aufstrebende Unternehmerin, die kurz davor steht, das renommierte Hamburger Modehaus ihrer Großmutter Margot (Brigitte Karner) zu übernehmen. Ihre Beziehung zu Thilo (Gerrit Klein), dem Erben einer einflussreichen Familie, scheint ihr eine glänzende Zukunft in der Gesellschaft zu sichern. Doch als Margot auf den Sicherheitsmann Ben (Malik Blumenthal) trifft, gerät ihre perfekte Welt ins Wanken. Ben, der kürzlich aus dem Gefängnis entlassen wurde, kämpft darum, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Ein Mann mit einer dunklen Vergangenheit, aber auch mit einer faszinierenden Präsenz, der sich Elle nicht lange widersetzen kann…

Wie die Lindenstraße – nur mit Nippelblitzern statt Mutter Beimer
Es ist noch gar nicht so lange her, da ließ Tim Trachte Deutschlands beliebtesten Elefanten Benjamin Blümchen im gleichnamigen Live-Action/Animations-Hybriden seinen Rüssel schwingen. Und nun, fünf Jahre später, da tun es die männlichen Protagonisten seines Erotikthrillers “Un/Dressed” dem Dickhäuter gleich, wenngleich das metaphorische Rüsselschwingen in seiner prüden Soft-Sex-Seifenoper selbstredend nie explizit zu sehen ist. Wer sich jetzt schon an einem derart plumpen Peniswitz reibt, der dürfte mit der spätpubertären Erotikfantasie des bis dato vornehmlich im Bereich Kinderfilm verorteten Regisseurs seinen Endgegner gefunden haben. Im schlüpfrigen Gerne angekommen, besinnt sich der in erster Linie darauf, seine hölzern agierende Hauptdarstellerin auf den blanken Vorbau oder auf das makellose Sitzfleisch zu schielen, während Story, Figurenzeichnung und Dramaturgie die zweite, oder ehrlich gesagt, keine Geige zu spielen scheinen. Dass “Un/Dressed” dabei weit weniger misogyn (aber immer noch deutlich zu viel) als das Vorbild aus den Staaten und deren Ableger aus aller Welt daherkommt, ist da schon das einzig (fast) positive, das es zu erwähnen gibt.

Wer nun denkt, “Un/Dressed” könnte das voyeuristische Herz der vergangenen Erotikthriller-Ära der 90er Jahre ansprechen, der irrt, obgleich die bedeutungsschwangere Melodramatik auf der Tonspur permanent vor sich hin dudelt als könnte Sharon Stone jede Minute um die Ecke stolzieren. Neben der einseitigen begierigen Inszenesetzung von Lena Meckel – die Körper der zwei Liebeskasper ihrer Dreiecksbeziehung scheinen Trachte bei weitem nicht so zu interessieren – weißt das deutsche “Fifty Shades of Grey” größtenteils die Zutatenliste einer herkömmlichen gebührenfinanzierten Daily Soap auf. Während der prüde Blümchensex, Side Boobs innerhalb einer obligatorischen Duschszene und die Zurschaustellung sekundärer Geschlechtsteile in knapper Unterwäsche also jegliches erotisches Knistern vermissen lässt, orientiert sich “Un/Dressed” abseits der vermeintlichen Sexiness, als TV-Kitsch auf öffentlich-rechtlichen Niveau – und das auch Produktionstechnisch. Hinzu kommt ein chronischer Mangel an Figurenzeichnung (ein Tattoo reicht aus, um als verwegen wahrgenommen zu werden) und ein nahezu nicht vorhandenes Maß an Tempo und Erzählfluss. Das macht den Erotikthriller, der eigentlich keiner ist, zu einer Art Lindenstraße mit Nippelblitzern, die selbst Mutter Beimer keine Schamesröte ins Gesicht treiben dürfte – von Fremdscham einmal abgesehen.

Fazit
„Un/Dressed“ bietet Soft-Sex ohne erotisches Knistern und fährt dabei das gesammelte Seifenopfer-Programm ab!

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