Saint Omer [2022] Kritik

TitelSaint Omer
Genre Drama
Jahr2022
FSK12
RegieAlice Diop

Heimkinostart: 09.03.2023

Eine wahre Geschichte

Nachdem die ehemalige Studentin senegalesischer Abstammung Fabienne Kabou am 19. November 2013 das Meer an der Nordküste Frankreichs wieder verlässt, ist sie alleine. Angereist war sie mit ihrer 15-monatigen Tochter Ada, die wenige Tage später Tot aufgefunden wird. Fabienne hat ihre Tochter ermordet und dafür wird sie zu 20 Jahren Haft verurteilt. Was sich im Gerichtssaal abspielte, verarbeitet Alice Diop in ihrem autofiktionalen Drama „Saint Omer“…

Saint Omer 2022 ©Grandfilm

Und darum geht es…

Das Unfassbare passiert: Laurence Coly, eine junge Frau aus dem Senegal, legt ihr 15 Monate altes Baby ins Meer. Der Säugling stirbt. In der nordfranzösischen Stadt Saint Omer soll Coly der Prozess gemacht werden. Mord oder nicht – das ist die Frage. Zunächst. Im Gerichtssaal sitzt auch eine andere junge Frau: Rama. Die aus Paris angereiste Professorin und Schriftstellerin identifiziert sich mit der Angeklagten und will eine Reportage über den Prozess schreiben. Das Verfahren beginnt, und nach den ersten Aussagen wird klar, dass nichts klar ist. Wer sitzt hier wirklich auf der Anklagebank? Und wie schnell wird ein Urteil gefällt im Angesicht unvorstellbarer Taten? (Grandfilm)

Saint Omer 2022 ©Grandfilm

Im Gerichtssaal mit einer Kindsmörderin

Dass sich Alice Diop vor „Saint Omer“ lange Zeit in der Welt der Dokumentationen heimisch fühlte, ist auch ihrem auf wahren Begebenheiten beruhendem Spielfilmdebüt anzusehen. So wagt sich die französische Regisseurin mit senegalesischen Wurzeln nur zögerlich aus ihrer Komfortzone heraus und bleibt auch bei ihrem ersten Spielfilm stets mit einem Bein in ihr bekannten Gefilden. Ihr Gerichtsdrama entpuppt sich als nüchtern vorgetragene Nacherzählung des als „Kabou-Affäre“ betitelten Prozesses und erweitert diesen um eine fiktive Protagonistin, die dieser Verhandlung beiwohnte – einer jungen Journalistin, die stellvertretend für Diop steht, die selbst Zeuge der Urteilsverkündung wurde. Die Kamera bleibt dabei meist lange Zeit ohne Schnitte auf den überzeugend vorgetragenen Aussagen der starken Darsteller*innen.

Saint Omer 2022 ©Grandfilm

In der autofiktionalen Natur des Dramas verbirgt sich auch die große Schwäche. Als Spielfilm fehlt es „Saint Omer“ an greifbaren Charakteren und echten Emotionen, während die komplexe Geschichte vermutlich besser im Gewand einer reinen Dokumentation aufgehoben wäre. Darüber hinaus fehlt es „Saint Omer“ an Diskussionsstoff. Die Frage nach Schuld oder Unschuld stellt sich zu keinem Zeitpunkt, dafür ist die Sachlage zu einfach. Durch den distanzierten, nüchternen Blick von außen ist es für das Publikum zudem nicht möglich, in die Gedankenwelt der Figuren einzutauchen. Was bleibt sind die starken Darsteller*innen und eine makellose, sterile Inszenierung – aber auch viel ungenutztes Potenzial.

Saint Omer 2022 ©Grandfilm

Fazit

Dokumentarisches Gerichts-Drama zwischen Faszination und Distanz!

Bewertung: 3 von 5.

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